Weihnachten im Kessel 1942

Bildmeditation nach Theo Schmidkonz, SJ
Eigentlich gibt es nicht viel zu sagen zu diesem Bild, so einfach ist es und so erschütternd zugleich. Wir können daraus lernen, dass Weihnachten nicht irgendeine Wahrheit ist, die man erkennen kann, und erst recht nicht ein abstraktes Bekenntnis: Und das Wort ist Fleisch geworden. Weihnachten kann man überhaupt nicht mit dem Verstand erfassen. Man kann es nur erfahren.
Darum ist es gut, wenn wir uns auf dieses ganz große Fest einstimmen und vorbereiten, nicht erst am hl. Abend. Das Geheimnis dieser Nacht ist eine Erfahrung, die das Tiefste im Menschen anrührt. Freilich – damit kein Missverständnis entsteht – eine Erfahrung, für die man sich nur bereiten kann, die aber Gott schenkt.

Wir wollen in dem Bild einen Menschen zu uns sprechen lassen, dem diese Erfahrung geschenkt wurde. Wir wollen ihn sprechen lassen durch sein Bild und durch sein Wort.
Man sieht es auf dem Bild oben. Es war 1942, Weihnachten in Stalingrad. Manche von uns wissen es noch: Hunderttausende deutscher Soldaten, Väter, Männer und Brüder erlebten einen furchtbaren Zusammenbruch. Was sie von allen Seiten erfuhren war Verzweiflung, furchtbare Kälte und der fast allen bevorstehende Tod.
In dieser Situation zeichnet der protestantische Oberarzt Kurt Reuber am hl. Abend dieses Bild für seine Kameraden. Es entstand auf der Rückseite einer russischen Landkarte, wie die Bugfalten verraten. Das Bild zeigt im Oval die hl. Nacht, eine Mutter, die eben ihr Kind geboren hat. Nichts Großartiges, nichts Überwältigendes, sondern zwei hilflose Gestalten, eine Mutter und ihr Kind, arm und wehrlos. Die Mutter neigt sich herab zu dem Kind und umfängt es mit ihrer Rechten. Die schwarzen, auffallend wuchtigen Linien der Kohlezeichnung deuten an, dass das Leben dieser beiden äußerst gefährdet ist. Gleichzeitig, je länger man dieses Bild betrachtet, geht eine Kraft davon aus. Es hat eine große Ruhe und Gelassenheit, die alles Tödliche zu überwinden scheint. Mutter und Kind sind wie von einem Unsichtbaren umhüllt und deshalb letztlich unangreifbar.

Dieses Bild hat einen seltsamen und wohl einmaligen Rahmen. Links und rechts, von oben nach unten, sind Schriftreihen, die in krassem Gegensatz zueinanderstehen. Auf der einen Seite wird die ganze Härte von Stalingrad umschrieben in dem Satz: Weihnachten im Kessel. Auf der anderen Seite stehen die drei Worte: Licht, Leben, Liebe. Die Erfahrungen ein und desselben Menschen: dem Untergang preisgegeben und gleichzeitig unüberwindlich hoffend.
Das Bild kam mit einem der letzten Flugzeuge aus Stalingrad heraus – der Mann ist wenige Tage später gefallen. Das Bild ist heute ein Wallfahrtsbild der evangelischen Christen in Norddeutschland. Es hängt in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin zur Erinnerung an die Gefallenen und als Mahnung zum Frieden.
Licht, Leben, Liebe: diese drei Worte sind in einer solchen Situation keine Phrase. Sie sind das Zeugnis eines Menschen, der auch in der Abwesenheit Gottes, im tiefen Schweigen Gottes, im tödlichen Schweigen Gottes, in der Dunkelheit des Zweifels und des Sich-nicht-mehr-zurechtfindens seine Nähe und sein heilendes Dasein erfahren durfte.
Wir dürfen das Bild ruhig aktualisieren für unsere Zeit. (1960!!!) Denn Nacht ist es auch heute. Nacht ist es auch in unserer Kirche. Wer von uns weiß denn, wie es weitergehen soll? Ist einer wirklich so gescheit, dass er das sagen kann? Ist es nicht auch Nacht unter unseren Völkern, obwohl es uns noch nie so gut ging wie heute? Ist es nicht auch Nacht in unserem Volk, wenn niemand weiß, wie viel man uns zumuten darf an Opfern, um die hungernde und zugrunde gehende Menschheit zu retten? Wer weiß es in der hl. Nacht, dass in diesem Jahr (1960) 25 Millionen Menschen verhungert sind? Welchen Christen hat es gerührt oder gar ernsthaft bewegt, dass etwas geschehen muss, dass wir nicht einfach so weiter leben können wie bisher? Wer begehrt dagegen auf?
Und trotzdem, dieses Bild zeigt uns, dass Menschen in einer viel tödlicheren Nacht an das Licht glaubten, auch als es endgültig Nacht wurde im Tod. Denn das Licht Gottes, an das wir glauben, übersteht alle Dunkelheit.
Der Arzt schreibt an den Rand des Bildes das Wort „Leben“. Wenn man das auf sich wirken lässt und sich in die Situation hineindenkt, dann wirkt es wie Sarkasmus. Menschen, vom Tod in die Enge getrieben, von Leichen umgeben, nur noch wartend auf den eigenen Tod, scharen sich um dieses Wort der Schrift und glauben daran. Ich weiß nicht, ob irgendein Priester in der Welt in der hl. Nacht das Leben so glaubwürdig und überzeugend verkünden kann, wie dieser Mann es tat. Er tut es heute für uns, denn wir halten sein Bild in unseren Händen.
Und das dritte Wort des Arztes scheint die kühnste Botschaft zu sein. Wo zu Hause Städte durch Bomben zerstört werden und Hunderttausende Unschuldiger unter den Trümmern liegen, wo im Kessel von Stalingrad eisige Kälte und grausame Vernichtung wüten, da schreibt er dieses letzte Wort wie eine Unterschrift unter das Bild von Maria und Jesus. Das Bild seiner Frau und seines Kindes mag ihm die Hand geführt haben. Der seelische Schmerz, wenn man von seinen liebsten Menschen getrennt ist, ist kaum nachvollziehbar. Es kann nur erlitten werden – und nur der Glaube versucht, ohne eine Antwort zu leben… Ein unheimlich gläubiges Bild sagt aus, was Liebe bedeutet.
Die Liebe umhüllt alles, die Liebe trägt alles, die Liebe hofft alles. So endet das Lied der Liebe bei Paulus: sie hört niemals auf. Das ist die große Botschaft dieser Heiligen Nacht. Ihr kann nicht einmal der Tod etwas anhaben.
Deshalb kann man Weihnachten nicht gedanklich erfassen, man muss es erfahren und den anderen weitersagen – so wie es das Vermächtnis von Kurt Reuber tut.

Diese Meditation hielt Pater Theo Schmidkonz 1960, als er Studentenseelsorger in München war und ich an der Uni studierte. Ich veröffentliche diese Meditation im Gedenken an ihn, der 2018 im Alter von 91 Jahren verstarb. Von ihm habe ich das Beten gelernt und die Wertschätzung der hl. Schrift. Sr. Pietra Hagenberger, SSND

2018-12-15T15:25:43+00:00