“The Children Are Asking”
Artist: Mary Southard, CSJ
Courtesy of www.ministryofthearts.org
Sisters of St. Joseph of LaGrange, IL
Der Schrei der Schöpfung und des Gottesvolkes

Herausforderungen für uns Schulschwestern

Sr. Salome Strasser, Provinzoberin der Bayerischen Provinz, lud am 11. November zur diesjährigen SHALOM-Tagung ins Mutterhaus München ein. In ihrer Begrüßung drückte sie ihre Freude darüber aus, dass zahlreiche Schwestern, Kandidatinnen, Mitglieder der Weggemeinschaft und Studentinnen des Studentinnenheims am Anger der Einladung folgten.

Ein besonderer Willkommensgruß galt der Referentin, Schwester Cathy Arata. „Als Koordinatorin unseres internationalen Schulschwestern-Shalom-Netzwerks wirken Sie vom Generalat in Rom aus weltweit. Sie vertreten uns Schulschwestern in vielen internationalen Gremien, arbeiten eng mit unserer Vertreterin bei den Vereinten Nationen, Schwester Ann Scholz, zusammen und haben so einen umfassenden Einblick in die derzeitige Lage unserer Welt, die Situation der Menschen und der Schöpfung.“

 
 .  In ihrer Einführung stellte sich Sr. Cathy als eine Mitschwester vor, „die davon überzeugt ist, dass wir uns bezüglich unserer Erde in einer Zeit höchster Krise befinden“. Dazu zitierte sie aus der Präambel zur Erdcharta:

„Wir stehen an einem kritischen Punkt der Erdgeschichte, an dem die Menschheit den Weg in ihre Zukunft wählen muss. Da die Welt zunehmend miteinander verflochten ist und ökologisch zerbrechlicher wird, birgt die Zukunft gleichzeitig große Gefahren und große Chancen. Wollen wir vorankommen, müssen wir anerkennen, dass wir trotz und gerade in der großartigen Vielfalt von Kulturen und Lebensformen eine einzige menschliche Familie, eine globale Gemeinschaft mit einem gemeinsamen Schicksal sind. Wir müssen uns zusammentun, um eine nachhaltige Weltgesellschaft zu schaffen, die sich auf Achtung gegenüber der Natur, die allgemeinen Menschenrechte, wirtschaftliche Gerechtigkeit und eine Kultur des Friedens gründet. Auf dem Weg dorthin ist es unabdingbar, dass wir, die Völker der Erde, Verantwortung übernehmen füreinander, für die größere Gemeinschaft allen Lebens und für zukünftige Generationen.“
   

Den „Schrei der Schöpfung“ führte sie in einer eindringlichen PowerPoint-Präsentation mit aussagekräftigen Bildern und aufrüttelnden Informationen vor Augen und griff dabei drei Gesichtspunkte heraus: Klimawandel, Regenwald und Wasser. Dazu einige Beispiele:

 

Ein wärmeres Klima erzeugt z. B. heftigere Stürme, die zu zunehmender Küstenerosion führen.
Der Ilulissat-Gletscher in Grönland, ein Weltkulturerbe der UNO, das man als eines der Weltwunder betrachtet, ist in nur wenigen Jahren um mehr als 10 km geschrumpft. Dies ist eines der alarmierendsten Beispiele für die Erwärmung der Arktis.


• Regenwälder, „die Lungen des Planeten“,
bedeckten einst 14 % der Landfläche unserer Erde,
nun sind es nur noch 6 %.
Das nationale Krebs-Institut der USA hat 3.000 Pflanzen ermittelt, die Krebszellen wirksam bekämpfen können;
70 % davon sind im Regenwald. 255 der wirksamen Bestandteile in heutigen Mitteln zur Krebsbehandlung kommen aus Organismen, die nur im Regenwald zu finden sind.

• Ungefähr 97 % des Wassers auf der Erde ist Salzwasser, also kein Trinkwasser für den Menschen. Weniger als 1 % des gesamten Süßwassers ist für unseren Gebrauch verfügbar, das meiste Süßwasser ist Polarschnee und Polareis.

Zurzeit wirkt sich der nicht ausreichende Zugang zu sauberem Trinkwasser für über eine Milliarde Menschen gesundheitsschädigend aus.


mit freundlicher Erlaubnis
Gary Braasch Photography
http://www.worldviewofglobalwarming.org

 

In ihrem anschließenden Referat nannte Sr. Cathy vier Herausforderungen, vor die uns der „Schrei der Schöpfung“ und die Dokumente der Kongregation stellen.

 

Die erste Herausforderung ist, die Kontemplation des gesamten Lebensnetzes zu vertiefen und in Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Lebens zu stehen. Das bedeutet, dass wir die Schöpfung „mit neuen Augen“ betrachten und uns selbst und den Menschen als integrierten Teil des Lebensnetzes sehen und nicht als „etwas Zusätzliches“.

Die zweite Herausforderung ist, daran zu glauben, dass wir wirklich eine ökologische Krise haben, einen Zusammenbruch von Beziehungen zwischen dem Menschen und der übrigen Schöpfung, und ganz bewusst so zu leben, dass diese Beziehungen wieder gesunden und befriedet werden können. Dies verlangt eine Änderung des LEBENSSTILS.

Die dritte Herausforderung ist, sich für die Schöpfung einzusetzen und dafür Lobby-Arbeit zu betreiben. Es bedeutet, dass wir uns selbst und andere über ökologische Themen informieren und auf dem Laufenden halten. Es bedeutet, dass wir aktiv mitwirken und nicht nur „Beobachter/innen“ sind, indem wir aufmerksam verfolgen, was die Regierungen und multinationalen Firmen tun und wie sich dies auswirkt auf die Beziehungen zwischen dem Menschen und der Schöpfung.

Dorothy Stang

 

Die vierte und vielleicht schwierigste Herausforderung ist, prophetische Mystikerinnen zu werden. Ich bin davon überzeugt, dass unser Aufruf, „die gesamte Schöpfung zu achten“, und unser Aufruf zu einem „wirklich einfachen Lebensstil“ ein Anruf ist, mystisch und zugleich prophetisch zu sein. Dies ist nicht etwas, das wir wählen, sondern etwas, wozu wir gerufen sind. „Prophetisch hat etwas zu tun mit der Feststellung, was in einer Kultur den Tod bringt, und es zu hinterfragen, indem man öffentlich und laut die Ungerechtigkeit und die Gewalt des Systems beklagt, indem man die Erinnerung an Gottes Zusage wachruft und Hoffnung auf eine alternative Zukunft weckt.” (aus: „Verkaufe alles“ von Sr. Sandra Schneider)
(Dorothy Stang (* 7. Juni 1931 in Dayton, Ohio, USA; † 12. Februar 2005 bei Anapu, Bundesstaat Pará, Brasilien) war eine brasilianische katholische Ordensschwester und Umweltaktivistin US-amerikanischer Herkunft.

Dorothy Stang gehörte dem Orden der „Soeurs de Notre Dame de Namur" (Schulschwestern Unserer Lieben Frau von Namur) an.

Sie lebte über 30 Jahre in Brasilien. Dort setzte sie sich für die Rechte der Landlosen insbesondere im immer noch gesetzlosen und unterentwickelten Nordosten des Landes ein. Für Ihr Engagement wurde sie zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt und erhielt vor ihrem Tod Morddrohungen.
Zwei Jahre vor ihrer Ermordung gab Dorothy Stang auf Grund des Irak-Krieges die US-amerikanische Staatsbürgerschaft auf und nahm die brasilianische an. Sie wurde am 12. Februar 2005 mit 3 Kopfschüssen aus nächster Nähe erschossen. Als Mörder wurde mit zwei Mittätern kurze Zeit später der 27-jährige Rayfran das Neves Sales festgenommen. Der Großgrundbesitzer und Sägewerkbesitzer, der den Tätern umgerechnet 15.000 Euro für die Tat bezahlt haben soll, ist noch nicht gefasst. Umweltschützer hoffen, dass die weltweite Aufmerksamkeit, die ihr Tod schuf, dazu beiträgt, dass sich mehr Menschen für den Erhalt des Regenwalds und für die Rechte der Ärmsten der Armen einsetzen. Unbestreitbar ist, dass sie wie der Gummizapfer Chico Mendes, der 1988 ermordet wurde, zu einer Symbolfigur geworden ist, deren Einfluss über den Tod hinausgeht.)

Reger Austausch folgte in Gruppen zu den Informationen und Anregungen des Vormittags, im Plenum wurden Rückmeldungen gegeben und Fragen gestellt.

 

Nach dem Mittagessen und einer kurzen Mittagspause ging es zum 2. Teil des Themas: „Der Schrei des Gottesvolkes“. Sr. Cathy sagte, dass dieser Schrei nichts Neues sei. „Es ist der Schrei der Menschheit, der seit Beginn der Menschheit gehört und auch ignoriert wird. Es ist der Schrei der Armut und des Hungers, der Schrei der ungleichen Behandlung, der Schrei des Hasses und der Spaltung.“ Sie lud ein, sich in dieser Welt etwas umzuschauen und diesem Schrei das Ohr zu öffnen, und zeigte dazu eine beeindruckende, teils schockierende/aufrüttelnde PowerPoint-Präsentation.

 


1,2 Milliarden Menschen
leben in extremer Armut.
820 Millionen Menschen gehen jeden Abend hungrig zu Bett.
25 % der Kinder im
Volksschulalter gehen
nicht in die Schule
Zwei Drittel aller Frauen der Welt sind Analphabeten

Alle drei Sekunden stirbt ein Kind
Jede Minute
stirbt eine Mutter

 

In ihrem anschließenden Referat wies Sr. Cathy darauf hin, dass wir in einer brüchigen, gespaltenen Welt leben.
„Es ist eine Welt, in der sich ein massiver Zerfall von Beziehungen vollzogen hat und immer noch vollzieht – ein Zerfall von Beziehungen in den Familien, innerhalb der Kulturen und zwischen Kulturen, Völkern und ihren Regierungen, zwischen verbündeten Nationen, ein Zerfall von Achtung und Beachtung internationaler Vereinbarungen und multilateraler Institutionen, die gegründet wurden, um in unserer Welt Frieden und Stabilität zu sichern zwischen Besitzenden und Habenichtsen, zwischen Nord und Süd, zwischen Ost und West. Es ist auch ein Zerfall unserer Beziehungen (als Menschen) zur Erde und schließlich auch ein Zerfall unserer Beziehung zu Gott, dem Schöpfer.“
Wie wir als Christen, als Arme Schulschwestern v.U.L.Fr. darauf antworten, stellte sie als Frage in den Raum. Fragen grundsätzlicher Art, in denen es um unsere Beziehungen geht, um die Beziehung zu Gott, zueinander und zur ganzen Schöpfung, müssen uns in eine neue Weise des Seins in der Welt führen, in eine neue Weise, mystisch und prophetisch zu sein. Dies gelingt uns nur, wenn wir uns des zentralen Themas des Evangeliums immer mehr bewusst werden, wie es der Papst in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ dargelegt hat oder wie es in der Lebensregel von uns Schulschwestern heißt: „dass Gott uns mit seiner Gnade reich beschenkt und dass auch wir gerufen sind, diese Liebe einander weiter zu geben.“
Sr. Cathy führte dazu aus: „Dieses Haltfinden im göttlichen Leben, dieses ganz leer vor Gott Stehen, ist nicht etwas, das wir tun; es ist etwas, das an uns geschieht. An uns liegt es, eine Haltung des Wartens, der Offenheit, des Leerseins zu erwerben, damit es einen Raum gibt, in den Gott kommen kann. Es bedeutet, wach und hellhörig sein, damit wir, wenn Gott kommt, das Ereignis oder die Begegnung nicht verpassen. … Bei all dem werden wir nicht aus der Welt genommen, sondern vielmehr in ihr Zentrum und gleichzeitig an ihren Rand gestellt. Es ist in der Tat ein Balance-Akt: ganz in der Welt stehen und in ihr eingetaucht sein, und gleichzeitig von ihr nicht absorbiert werden.“
In ihren weiteren Ausführungen lenkte Sr. Cathy unsere Aufmerksamkeit auf den Begriff „Solidarität“, der auf der Website des Vatikans an 1.844 Stellen zu finden ist, was seine große Bedeutung zeigt.
“Solidarität ist nicht ein Gefühl vagen Mitleids oder oberflächlicher Rührung wegen der Leiden so vieler Menschen nah oder fern. Im Gegenteil, sie ist die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das ‚Gemeinwohl’ einzusetzen, das heißt, für das Wohl aller und eines jeden, weil wir alle für alle verantwortlich sind.“ (Sollicitudo Rei Socialis, Nr. 38)
Sr. Cathy erläuterte dazu, dass eine Verpflichtung zur Solidarität den Kopf genau so wie das Herz fordert, das Mitleiden unseres Herzens genau so wie das Mitdenken unseres Verstandes. Sie verlangt die Frage, warum die Dinge so sind, wie sie sind, und wie sie geändert werden könnten. Wir handeln solidarisch, wenn wir den Hungernden etwas zu essen geben, und wir handeln solidarisch, wenn wir uns einsetzen für wirtschaftliche, politische und soziale Themen, in denen es um Hunger und das menschliche Grundrecht auf Nahrung geht.
Solidarität wird möglich, und das Leben eines radikal einfachen Lebensstils wird möglich, weil wir in Gott und der Erfahrung seiner grenzenlosen Liebe verankert sind.
Wie am Vormittag folgte ein Austausch in Gruppen und die Rückmeldung im Plenum. Mit einer Vesper, die inhaltlich auf die Thematik abgestimmt war, endete die Tagung.

Teilnehmerinnen äußerten sich dankbar für diesen Tag, der das Bewusstsein für globale Zusammenhänge und Verantwortung vertiefte und zu einer Änderung des Lebensstils aufrief.