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Eine große Ordensfrau und Pädagogin A Great School Sister, Teacher and Educator
On the 125th Anniversary of the Death of Maria Canisia Engl, SSND
Am 09. Mai
2004 jährt sich zum 125. Mal der Todestag von Karolina, Maria Theresia von Jesu
Gerhardinger, der Gründerin der Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau
und der wohl bedeutendsten Pädagogin des 19. Jahrhunderts. On 9 May
2004 it was 125 years ago that Karolina, Maria Theresia of Jesus
Gerhardinger, the founder of the School Sisters of Notre Dame and
quite probably the most significant female teacher and educator of
the 19th century, passed away. |
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Die Aktualität ihrer Pädagogik Wenn wir Heutigen uns mehr oder weniger orientierungslos in einem Dschungel schulischer Reformansätze gefangen sehen, wenn wir in der Kirche um die zeitgemäße Spiritualität des aktiven Lebens, um eine aus der Kontemplation gespeiste Diakonie ringen, dann kann uns Maria Theresia Gerhardinger am Beispiel ihres Lebens und ihres Werkes auch nach mehr als einem Jahrhundert Wege aus unseren Krisen zeigen, und zwar nicht in dem Sinn, dass wir sie und ihr Werk einfach nachahmen, kopieren sollten; oder dass sie uns Rezepte überliefert hätte, sondern dass sie uns ermutigt, die uns heute zur Verfügung stehenden Erkenntnisse und Mittel wahrzunehmen, um die Probleme unserer Zeit mutig, kreativ und in lauterer Absicht anzupacken.Maria Theresia Gerhardinger hat selbst weder je nach Rezepten gehandelt, noch hat sie am Grünen Tisch Theorien entwickelt. Ihre Stärke war es, Dinge, Situationen, Herausforderungen vorurteilslos in den Blick zu nehmen, sie sachgerecht zu analysieren, sicher zu entscheiden und nach ihrer Einsicht zu handeln, ohne sich von wem auch immer einschüchtern oder beirren zu lassen.
The Relevance of her Pedagogical Principles TodayToday, we may well consider
ourselves at times caught up in what seems like a jungle of
different approaches to educational reform, in which we have largely
lost our sense of orientation; in the church, we perhaps are
grappling with the contemporary spirituality of active life, with a
deaconry fed upon contemplation alone. In such situations, it is
Maria Theresia Gerhardinger, namely, who, if we take her life and
her work as an example, can show us ways of solving our crises, even
after more than a century: not in the sense that we should simply
imitate or copy her and her work, or that she might have passed down
pat solutions for us to apply, but in the sense that she can
encourage us to perceive the knowledge and means that we have at our
disposal today to tackle the problems of our times in a courageous,
creative and well-intentioned way. |
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Als Karolina
Gerhardinger am 20. Juni 1797 als Tochter des Schiffmeisters
Willibald Gerhardinger und seiner Frau Franziska in
Regensburg-Stadtamhof geboren wurde, war die Welt im Umbruch. Auch
ihr Heranwachsen, ja ihr ganzes Leben von fast 82 Jahren waren
begleitet von vielfältigen politischen, sozialen und religiösen
Unsicherheiten und Veränderungen. Die Eltern konnten an der Wiege
ihres einzigen Kindes nicht ahnen, welch große Aufgabe Karolina
einmal zu erfüllen hatte, welche Bedeutung sie für zahllose Menschen
weit über die Grenzen ihres Vaterlandes und Europas hinaus erlangen
sollte. Und Karolina selbst sah sich nicht am Anfang eines
herausragenden und verheißungsvollen Lebenswegs, als sie 1809 dem
Vorschlag des damaligen Regensburger Dompfarrers und späteren
Bischofs Georg Michael Wittmann zustimmte, sich zur Lehrerin
ausbilden zu lassen, um zu gegebener Zeit einen neuen zeitgemäßen
Schulorden zu gründen. Sehr begabt und vielseitig interessiert,
hatte sie sich ihre Zukunft ganz anders als in einer engen
Schulstube vorgestellt. Doch mit der sie ein Leben lang
auszeichnenden Entschlossenheit entschied sich die Zwölfjährige für
eine Lebensplanung, die sie von sich aus nicht getroffen hätte.
Was sie letztlich dazu bewog, ist nur zu erahnen, bekannt jedoch sind die Konsequenzen und Früchte ihrer Entscheidung:
Her Life and her VocationWhen Karolina Gerhardinger was
born in Regensburg-Stadtamhof on 20 June 1797, the daughter of
shipmaster Willibald Gerhardinger and his wife Franziska, the world
was in turmoil. The period of her childhood, in fact the whole of
her life of nearly 82 years, was accompanied by myriad political,
social and religious uncertainties and transformations.
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Fortan
steht Karolina 70 Jahre lang zu dieser ihrer Entscheidung, die ihr
unsägliche Mühen abverlangt, die ihr ein gerüttelt Maß an
Verkennung, Verleumdung und Leiden einträgt. Sie bleibt bei ihrem
Entschluss, als die beiden ersten Gefährtinnen auf dem Weg zur
Ordensgründung sie verlassen. Und sie gibt nicht auf, als sie sich,
die unbekannte kleine Lehrerin, 1834 nach dem Tod ihrer Förderer und
Freunde Wittmann und Job, mittellos und ohne einflussreiche Gönner,
fast ausschließlich Verständnislosigkeit und Widerständen ausgesetzt
sieht.
Sie bleibt dem Auftrag Wittmanns treu, weil sie in ihm den Willen Gottes erkennt. Völlig auf sich allein gestellt – und darin zeigt sich bereits ihre Größe – hält sie allen Anfeindungen, allem Unverständnis stand und geht entschlossen den einmal eingeschlagenen Weg weiter: Als 36-Jährige gibt sie die sichere Position einer königlich-bayerischen Lehrerin auf und bricht die letzten Brücken einer bürgerlich abgesicherten Existenz hinter sich ab. Sie nimmt die verwitwete Mutter zu sich ins kleine Kloster nach Neunburg vorm Wald, verkauft ihr Elternhaus in Stadtamhof und stellt ihr gesamtes Vermögen vorbehaltlos in den Dienst der „Sache Gottes“, der sie sich verpflichtet weiß. Unerschrocken, klug und zielbewußt unternimmt sie dafür beschwerliche Reisen, wendet sie sich mutig an alle, von denen sie sich Hilfe verspricht, zuerst an König Ludwig I.[1]von Bayern und seine Schwester Karolina, die Kaiserin von Österreich. Später wird sie in einer Vielzahl von Ländern mit Regierungen und Bischöfen und auch dem Papst verhandeln.Ihr ganzes Leben lang lässt sie sich
von nichts und niemandem abhalten, stets das zu tun, was sie als
richtig und der „Sache Gottes“ dienlich erachtet.
[1]
Er sagt nach der ersten Begegnung von ihr: „Diese Frau weiß, was sie
will. Und was sie will, ist groß gedacht.“ Her PersonalityFrom now on, for 70 years,
Karolina stands by this decision of hers, a decision that is to
demand of her unspeakable endeavors and to result in a good deal of
underestimation, calumny and suffering. She remains equally
determined when her first two companions desert her on the way to
the founding ceremony. Nor does she give up when, in 1834, after the
death of her patrons and friends Wittmann and Job, she, the unknown
little teacher, destitute and deprived of influential supporters,
finds herself confronted almost exclusively with incomprehension and
opposition. 1 After their first encounter,
he says of her: “This lady knows what she wants, and what she wants
is eminent and noble.” Man muss sich diese Klarheit, diese Stärke und ihre in einem unerschütterlichen Glauben begründete Sicherheit bewusst machen, um ihre Pädagogik richtig zu verstehen und auch das Ausmaß ihrer Wirkung angemessen zu begreifen. Karolina Maria Theresia Gerhardinger ist nicht nur selbst eine vorzügliche Lehrerin und Erzieherin, sie vermag auch andere für den Lehrberuf zu begeistern und meisterhaft auszubilden. Im Jahre 1853, 20 Jahre nach der Gründung des ersten Klosters in Neunburg, unterrichten bereits 346 Schwestern etwa 17 000 Schulkinder an den 70 Niederlassungen der Kongregation in den verschiedenen deutschen Ländern sowie in Böhmen, Österreich und Nordamerika. Bei Maria Theresia Gerhardingers Tod im Jahre 1879 sind es mehr als 3000 Schwestern; und die Zahl der in Schulen und Heimen betreuten Kinder und Jugendlichen überschreitet 80 000. Mutter Theresia, wie ihre Schwestern sie seit den Anfängen der Kongregation nennen, hält in der Erziehung wenig von Anordnungen oder Befehlen und überhaupt nichts von Druck oder Zwang, dafür umso mehr von geduldiger, einfühlsamer Zuwendung und Überzeugung. Worauf es im Leben des Menschen ankommt, davon überzeugt sie durch ihr Wort, ihre Tat und ihr Leben. Begabt mit einem scharfen, analytischen Verstand, mit weit überdurchschnittlichen musisch-kreativen Fähigkeiten und einem großen, weiten Herzen, sieht sie die Probleme ihrer Zeit und die Not der Menschen. Sie entwickelt dagegen keine wirtschaftlichen und sozialen Theorien wie ihre Zeitgenossen Marx und Engels, sondern nützt in rastloser Arbeit alle ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und Mittel, um die Nöte ihrer Umgebung unmittelbar zu bewältigen.
Alles, was Maria Theresia Gerhardinger anpackt, geschieht kompetent, umfassend und gründlich. Damit ihre Schwestern gut und effizient unterrichten und erziehen können, sorgt sie für ihre umfassende qualifizierte Ausbildung. So gründet sie in München die erste Lehrerinnenbildungsanstalt in Bayern, richtet sie Seminarien zur Ausbildung von Fachlehrerinnen für Textilarbeit sowie für Erzieherinnen ein und betreibt im Münchener Mutterhaus eine eigene Verlagsdruckerei, welche die notwendigen Bildungspläne und Lehrbücher bereitstellt. Mutter Theresias pädagogische Genialität wird vor allem sichtbar an der Art, wie sie Begabungen erkennt und fördert, wie sie ihre Schwestern zur Selbstständigkeit führt und sie durch ihr Vertrauen motiviert, das Beste zu geben, wie sie im Sinne des biblischen Gleichnisses mit den Talenten ihrer Schwestern wuchert, um sie im Dienst der Erziehung fruchtbar zu machen.Ihre große personale Sicherheit, ihre ungewöhnliche Unterscheidungs- und Entscheidungskraft nimmt Maria Theresia Gerhardinger aus dem sie vor allem auszeichnenden Grundzug ihres Wesens, aus ihrer unbedingten Selbstlosigkeit. Sie fragt vor einer Entscheidung nie nach den möglichen Konsequenzen für sich selbst. Sie schielt bei ihren Planungen weder nach Erfolg und Anerkennung noch scheut sie Auseinandersetzung, Unverstandenwerden und Ablehnung, sondern konzentriert ihre Aufmerksamkeit allein auf „die Sache Gottes“, den Auftrag, den sie zu erfüllen hat. So ist sie immer absolut frei und unabhängig von allen möglichen (auch „frommen“) Vorurteilen oder ideologischen Verkrampfungen. So ist ihr Blick stets klar und unbestechlich und deshalb fähig, sofort den Kern einer Sache wahrzunehmen.Nur ihre aus Selbstlosigkeit erwachsende Freiheit erklärt die bewundernswerte unbeirrbare Souveränität, die sie inmitten der vielfältigen Widerstände, Verkennungen, Missdeutungen ihres Handelns, inmitten aller Bedrohungen und Anfeindungen lebenslang an den Tag legt und sie stets standhaft an ihrer inneren Einsicht, an der Entscheidung ihres Gewissen festhalten lässt. If we want to understand her
pedagogical principles properly, to grasp in the appropriate way
just how effective her actions were, we have to conceptualize this
clarity, this strength of character, in short, her confidence, which
in turn was based on her unshakeable belief.
As early as 1839, only six
years after the founding of the Congregation, she opens the High
School for Girls in Amberg, the first institution of its kind -
distrusted by many, and in the face of opposition from within
the convent and from several inhabitants of Amberg. |
| Die Erinnerung an diese große Pädagogin, die mit ihrem Konzept einer ganzheitlichen Erziehung junger Frauen zu Selbstständigkeit und Mündigkeit ihrer Zeit weit voraus war und so mit ihren Schwestern der modernen Frauenbildung die Bahn brach, die Erinnerung an diese große Ordensfrau, die Einrichtungen schuf, deren Bedeutung für die Bildungs- und Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts wir erst heute in ihrem vollen Umfang erkennen können, fordert zur Frage heraus: |
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Wie würde Maria Theresia Gerhardinger die gegenwärtigen Schulreformen beurteilen? Diese Frage lässt sich relativ rasch und eindeutig beantworten, wenn wir das Motiv ihres Handelns und die Zielsetzung ihres Bildungs- und Erziehungsentwurfs betrachten:
Sie würde deshalb jeden Versuch der Verzweckung des Menschen oder der Instrumentalisierung der Schule für ideologische oder wirtschaftliche Eigeninteressen wachsam erkennen und entschieden ablehnen.
Ihre Pädagogik soll dem Leben der Menschen dienen, deshalb setzt sie notwendig unmittelbare Aufmerksamkeit und Zuwendung voraus. Damit die pädagogische Arbeit jedoch nicht vom Zufall abhängt, damit sie nicht vom Eigeninteresse der Lehrerinnen oder von Willkür zunichte gemacht wird, besteht Maria Theresia Gerhardinger auf etwas viel wichtigerem als auf Theorie, Anordnung und Befehl, sie besteht auf einem hohen Maß an pädagogischem Ethos, das sie in der Verantwortung vor Gott begründet sieht.
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„Die Herzen gewinnen“ Wäre diese auf das Wesentliche zielende und durchaus anspruchsvolle Kurzformel eines inzwischen durch mehr als 150 Jahre gültigen und erprobten Bildungskonzepts der maßgebliche Leitsatz für Schulreformen, ließen sich nicht nur überflüssige Querelen, sondern auch verhängnisvolle Irrwege vermeiden. Er begründete die Basis für gemeinsame Zielsetzungen und auch die Einsicht, dass sowohl die Vertreter der Bildungspolitik als auch der Ministerialbürokratie in ihrem Umgang mit den Lehrerinnen und Lehrern nach dem gleichen Prinzip verfahren müssen, wenn eine nachhaltige Schulreform nicht nur in Gang kommen, sondern sich selbst auch in Gang halten soll.Wäre eine Schulreform unter diesem Leitsatz nicht geeignet, eine menschenfreundliche und damit eine menschenwürdige Schule zu begründen? “Winning over their hearts”
This short, yet undoubtedly
sophisticated slogan aims at the essential; at the same time, it is
the formula for an educational concept that has in the meantime been
valid and withstood the test of time for a period of more than 150
years. Were this formula to be taken as the decisive leitmotif for
school reform nowadays, not only could superfluous arguments be
avoided, but also fatal and misguided adventures. It would form the
basis, not only for objectives to be set in cooperation with others,
but also for the realization that those who represent educational
policy, as well as those in the bureaucratic system of a ministry
who handle its teachers, must proceed according to the very same
principle if a sustained reform of the school system is both to be
set in motion and enabled to maintain that motion of its own accord. |
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Quellen: Bayerische Staatsarchive in München und Amberg; Diözesanarchive in Regensburg und München; Archiv der Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau in München Maria Theresia von Jesu Gerhardinger, Briefe, 13 Bände, Selbstverlag des Mutterhauses, München 1979 Literatur: Maria Liobgid Ziegler, Die Armen Schulschwestern v.U.L.Frau, Ein Beitrag zur bayerischen Bildungsgeschichte, München 1935 Maria Liobgid Ziegler, Mutter Theresia von Jesu Gerhardinger. Ihr Leben und ihr Werk, München 1950 Maria Liobgid Ziegler, Karolina Gerhardinger (1797-1879), in J. Aretz / R. Morsey / A. Rauscher (Hrsg.), Zeitgeschichte in Lebensbildern, Mainz 1982, S. 25-40 Maria Theresia von Jesu Gerhardinger, Vertrauen und Wagen, Worte in den Tag, Regensburg 1985 Sources: deutscher Text zum Download |