| Hallo und
viele Grüße an alle aus Peru! Ich bin jetzt seit knapp drei Monaten hier in Peru und will jetzt mal etwas von mir hören lassen. Hier ist also meine erste an einige schon lange versprochene Rundmail: Als ich in Peru ankam war ich erst mal völlig überwältigt von all den neuen Eindrücken. Meine ersten zwei Wochen in diesem Land verbrachte ich in Lima. Da gibt es den verrückten Verkehr, wo grundsätzlich an allen Seiten überholt wird und es Regeln scheinbar nicht gibt. Da gibt es die Busse, in die man fast im Fahren ein- und aussteigen muss, in denen sich immer jemand während der Fahrt weit aus der Tür lehnt, um Fahrgäste anzuwerben, und wo Süßigkeiten verkauft werden. Oft sind es Kinder, die mit einer Tüte Bonbons Geld verdienen müssen. Da gibt es den Markt (dort gehe ich noch immer gerne hin), wo es alles zu kaufen gibt. Alles wird nach Bedarf von Hand abgepackt, der Reis, die Nudeln, selbst gekochte Soßen, Kartoffeln und einzelne Rollen Klopapier. Mütter kaufen einzelne Babywindeln und es herrscht ein wahnsinniges Gedränge. An was ich mich wohl am meisten gewöhnen musste, waren die Fleisch- und Fischstände, an denen die Hühner vor Ort zerlegt werden und wo die Fische nach Bedarf ausgenommen und in Tüten verpackt werden. Zu meinen ersten Eindrücken zählten auch ärmliche Häuser, trockene, staubige Straßen, Massen an Straßenhunden und vieles mehr. Aber zu meinem Einsatzort weiter im Norden Perus, in der Gegend von Piura. Für die, die es noch nicht wissen: Ich lebe dieses Jahr in einer Gemeinschaft von vier Schwestern, alle total nett. Sie arbeiten hier in Fe y Alegria, einer sehr verbreiteten Organisation für die Schulbildung der Kinder und für verbesserte Lebensbedingungen der Bevölkerung. Dabei beteilige ich mich auch, soweit ich kann, an der Arbeit. Hier, an meinem Einsatzort, lebe ich auf dem tiefsten Lande, wo ich morgens vom Hahn und vom Esel geweckt werde, letzterer ist gängiges Transportmittel hier. Hier laufen Ziegen- und Schafsherden auf der Straße und die Schweine baden im Kanal. Jede Familie hat so ihre eigene Farm, wo sie Mais, Reis, Limonen, Bananen, Kakao und Zuckerrohr anbaut und wo außerdem Hühner, Schweine und Kühe gehalten werden. Hier gibt es viele verschiedene Früchte - die Mangos sind gerade reif und schmecken so lecker! Der Kanal, der entlang der Straße verläuft, versorgt hier die Bevölkerung mit Wasser. Da es hier die meiste Zeit des Jahres bei großer Hitze nicht regend, ist sein Wasser überlebensnotwendig für die Menschen, die fast ausschließlich von de Landwirtschaft leben. In diesem besagten Kanal wird alles gemacht, da baden Menschen und Tiere, wird Wäsche gewaschen und von diesem Wasser werden die Felder bewässert – und beziehen die Leute ihr Drinkwasser. Die Bedeutung des Wassers merke ich besonders dann, wenn ich in etwas abgelegener und trockenere Dörfer komme, wo das Wasser von weit her transportiert werden muss. Diese Dörfer sind durch besondere Armut gekennzeichnet. Die Armut ist hier ein rissen Problem, da es manchen Familien an allem fehlt und sie ums Überleben kämpfen müssen. Die schlechte Ernährung ist mit ein Grund, warum es so viele Krankheitsfälle gibt. Die ärztliche Versorgung ist ein rissen Problem, weil es an Geld für Medikamente und für ärztliche Untersuchung fehlt. So sehr schockierend die Situation der Menschen hier oftmals ist, so mache ich auch Unmengen an schönen Erfahrungen. So haben die Menschen das Fröhlichsein nicht verlernt und verstehen es, Feste zu feiern, zu lachen, zu tanzen, Musik zu machen und, zwar schief, aber sehr laut, zu singen. Volkstänze sind hier sehr beliebt, wo die Jugendlichen in Trachten ihr Können zeigen Wenn ich kann, will ich auch mal tanzen lernen, aber es gibt natürlich so viel, was ich gerne kennen lernen würde. Die Gastfreundschaft ist sehr hoch und das Wenige, was sie haben, schenken die Leute oft her. So werde ich von Luz-Maria, die mit uns im Büro arbeitet, zu sich nach Hause eingeladen, um das Gelände ihrer Eltern kennen lernen zu können und sie heißen mich willkommen und lassen mich nicht gehen, ohne mich reich mit Orangen und Kokosnüssen zu beschenken, sodass ich Mühe habe, alles mit dem Fahrrad nach Hause zu transportieren. Bin ich auf der Straße, grüßen mich alle Leute (hier kennen mich fast alle mit Namen, auch die, die ich nicht kenne). Sind wir mit dem Auto unterwegs, so nehmen wir immer sämtliche Leute, die zu Fuß sind, mit, auch die Entfernungen oft groß sind, die die Leute laufen müssen. Die Transporte sind recht amüsant: Hier fahren Sammeltaxis in die nächste Kleinstadt, die erst fahren, wenn fünf Passagiere mitfahren wollen. Autos ohne Fensterscheibe, mit zerbrochenen Scheinwerfern und mit fehlendem Türgriff gehören zur Normalität. Einmal war ich dabei, als sie einen Hahn im Kofferraum mitgenommen haben. Eine andere Erfahrung, die ich hier machen darf, ist, das man nicht viel zum Leben braucht. Vielleicht ist es sogar so, dass vieles, was man besitzt, vom Wesentlichen ablenkt. Wir haben kein Telefon, nur im Büro. Will man sich verabreden, trifft man sich persönlich. Als Transportmittel dient das Fahrrad, oft auch das Motorrad, ein Auto besitzen nicht viele. Viele sind hier zu Pferd unterwegs. Einmal die Woche fahre ich mit Marty, einer der Schwestern, nach Tambogrande, der nächsten Kleinstadt, ins Internetcafe. Für viele Menschen besteht diese Möglichkeit jedoch nicht und wollen wir Post verschicken oder empfangen, müssen wir bis nach Piura fahren (zwei Stunden). Dort gibt es einen Raum mit Postfächern für ganz Piura und Umgebung. Dass also die Schwestern ein eigenes haben, ist Luxus. Die meisten hier haben kein elektrisches Licht, das heißt, ab sieben Uhr abends ist es stockfinster und das Licht einer Öllampe dient oftmals als Lichtquelle. – Gut dass wir Solarzellen haben und wenigstens abends Licht haben. Was ich also im Einzelnen mache: Vormittags helfe ich in der Schule, dh. in einer Art Kindergarten, wo die Kinder aber schon Buchstaben und Zahlen lernen müssen und richtig Unterricht haben. Der Unterricht, bei einer Lehrerin Namens Milka, ist wahnsinnig chaotisch, so dass mir die Kinder Leid tun. Vier Stunden am Tag bin ich dort und wenn ich danach ins Büro komme, wo wir zu Mittag essen, bin ich immer hundemüde und von den Erfahrungen etwas mitgenommen. Die Situation der Kinder ist wahnsinnig traurig und ich bin so froh, nicht hier aufgewachsen zu sein. Nachmittags helfe ich Luz in der kleinen Bibliothek, oder begleite Nina, eine der Schwestern, zu ihren Jugendgruppen. Die nächste Woche werde ich anfangen, Karateunterricht zu geben. Zwei Jugendgruppen haben Interesse bekundet und Nina will es jetzt auch lernen. An die Karateleute unter euch: Ich vermisse unsere Trainingsstunden und freue mich jetzt riesig, nicht alles zu vergessen, bis ich zurück komme. Samstags begleite ich Nina zum Kinderchor, wo wir zusammen mit ein paar anderen Jugendlichen mit den Kindern singen. Was ich sehr vermisse, ist mein Klavier, aber dafür nehme ich jetzt öfter mal die Gitarre zur Hand und vielleicht wird sie nach dem Klavier mein zweites Instrument werden, mal sehen. Zum Fahrradprojekt von dem einige wissen: Dass hier die Kinder zur Schule gehen, ist nicht selbstverständlich. Viele kommen sehr unregelmäßig. Vor allem in den abgelegenen Dörfern sehen die Eltern oft die Notwendigkeit, ihre Kinder zur Schule zu schicken, nicht ein und die Kinder müssen zu Hause auf dem Feld arbeiten, oder helfen, Geld zu verdienen. Dabei kommt erschwerend hinzu, dass die Kinder oft weite Stecken zu Fuß zurücklegen müssen. Zum Teil sind es zwei bis drei Stunden, die die Kinder in der wahnsinnigen Hitze laufen müssen. Aus diesem Grund hat Fe y Alegria Fahrräder angeschafft, um den Kindern ihren Schulweg zu erleichtern und man will natürlich auch damit erreichen, dass mehr Kinder in die Schule kommen. An dieser Stelle vielen Dank an alle zum großen Teil schon ehemalige Wirsberger und deren Eltern, die mit ihren Spendengeldern geholfen haben, elf von insgesamt ca. 60 Fahrrädern zu finanzieren. Das Projekt ist noch in der Anfangsphase, aber die Fahrräder werden zahlreich benutzt und vielleicht können in Zukunft mehr Kinder Lesen und Schreiben lernen. Vielen Dank!!!! Jetzt bin ich also fast drei Monate hier und es ist doch erstaunlich, wie ich Anfangs begonnen habe, die Welt wie ein Kind neu zu entdecken. Eine besondere Erfahrung, die ich hier in der Ferne mache, ist auch, dass es einige Schwierigkeiten birgt, die eigene Kultur zu verlassen und sich in einer völlig anderen Welt wieder zu finden. Ja, man lernt geradezu sich selbst und die eigene Kultur erst richtig kennen und die Wichtigkeiten erhalten hier in der Ferne einen anderen Wert. Die Sprache formt die Welt. Wie es ist, nichts zu verstehen, das konnte ich in den ersten Wochen auch erfahren Und: Egal wohin man geht, es kann noch so weit sein, nimmt man seine Kultur, seine Geschichte und seine Eigenschaften mit. Das Leben der Schwestern ist für mich sehr lernreich. So manche deutsche Familie könnte von ihnen viel bezüglich Gemeinschaft und Zusammenleben lernen. Auch der Glaube ist sehr interessant, viel integrierter in den Alltag, tiefer reichend, voller Hoffnung und Vertrauen. So viel also zu meinen ersten Nachrichten von hier und ich werde mich wieder melden. Viele Grüsse an alle die mich kennen, die von meinem Peru-Aufenthalt wissen und die, die sich für Ähnliches interessieren – dieses Jahr ist das Beste, was man nach dem Abi machen kann! Kathrin |