Ich bin jetzt schon über drei Monate in Chile
und langsam wird es immer schwerer, alles was ich erlebt oder über die chilenische Kultur herausgefunden habe, zu Papier zu bringen, weil es ganz einfach zu viel ist!

 

Ich lebe hier eigentlich in einer Gemeinschaft mit 4 Schwestern. 3 davon sind aus den USA und eine aus Paraquai. Ich teile mein Zimmer mit Domi, der Schwester aus Paraquai, sie ist 33 Jahre alt. “Eigentlich“ heißt dass wir zeitweilig ein bis 2 Schwestern zu Besuch hatten, eine Novizin, Lucelia, aus Brasilien für 2 Monate, und Regina aus den USA für ein paar Wochen. Folglich ist bei uns immer was los!

 

Meine Arbeit ist ziemlich breit gefächert! Dreimal die Woche arbeite ich in einem Mädchenheim, ich besuche eine Gruppe aldultos mayors( Senioren) die sich einmal die Woche treffen, helfe in zwei Gruppen der catequesis (Erstkommunion) und zwei Gruppen Infancia Misionera (wie Jugendgruppen) mit. Einen Vormittag begleite ich eine der Schwestern bei Besuch und Vergabe der Kommunion an alte und kranke Menschen und seit dieser Woche gehe ich außerdem noch zwei Vormittage in die escuela andino, eine Schule für lern- und körperbehinderte Kinder zwischen 3 und 26 Jahren.

 

Als ich ankam fand ich am schlimmsten, dass ich niemanden verstanden habe und selbst nicht antworten konnte, oder verstanden habe und nicht antworten konnte! Die Chilenen sagen selbst, dass sie ein schlechtes Spanisch sprechen und das stimmt!!! (Aber natürlich war das Fehlen der Sprachkenntnis größtenteils meiner unehrgeizigen Natur zuzusprechen!) Sie sprechen wahnsinnig schnell, haben ungemein viele Chilenismen und verschlucken alle Enden!

 

Aber dafür sind sie ungemein freundlich und lebenslustig, nehmen einen immer herzlich auf und bieten einem von Anfang an jegliche Hilfe an( auch wenn das,  sowie die obligatorische Einladung zu sich ins Haus, ein bisschen zum guten Ton gehört)!

 

Typisch chilenisch oder wahrscheinlich lateinamerikanisch ist die Verspätung. In den ersten Wochen war ich, wie in Deutschland, immer schon 5 oder 10 Minuten vor Beginn da, einfach um rechtzeitig zur Stelle zu sein und den Anfang nicht zu unterbrechen! Das habe ich aber schnell aufgegeben, da man dann schon leicht mal eine halbe Stunde wartet bis überhaupt mal die Verantwortlichen auftauchen!!!!!! Inzwischen weiß ich, dass es eigentlich reicht zum besagten Zeitpunkt daheim loszulaufen, um immer noch zu den Ersten zu zählen!

 

Mit den Mädchen im hogar (heim), die zwischen 2 und 7 Jahre alt sind, mache ich verschiedene talleres (Gruppenarbeiten). Meistens basteln wir, ich habe sie aber auch schon massiert und versucht mit ihnen zu tanzen, was sich aber als schwieriger als gedacht herausgestellt hat! Die meisten von ihnen kommen aus sehr armen Familien, die zum Teil nicht mal Häuser besitzen und sind deshalb im Heim. Andere jedoch wurden sexuell oder psychisch missbraucht. Dass für mich erschreckenste Beispiel ist das Schicksal eines der Mädchen aus meiner Gruppe : sie ist 5 Jahre alt und wurde schon sexuell missbraucht!!!

 

Immer wieder  erschrecke ich, wenn ich die zum Teil sehr, sehr jungen Mütter auf der Strasse sehe. Viele von ihnen sind allein erziehend und nicht selten waren sie Inzuchtsopfer. In meinem Alter  haben die Mädchen hier außerdem („freiwillig“) oft schon ein oder mehrere Kinder und/ oder Familienplanung im Kopf.

Was diesen Prozess sicher mit begünstigt ist, dass- vor allem die Mädchen

-oft viel älter aussehen als sie sind und ungemein junge Mädchen daher oft- für ihr Alter- ungemein alte Freunde haben! (das Altersverhältnis von Paaren ist hier ganz anders, mir wurde auch schon von einem Polizist im Alter meines Vaters erklärt er könnte mein “pololo” (Freund) sein).

 

In der escuela valle andino mitzuhelfen ist sehr interessant. Zum einen, weil es im Gegensatz zu Deutschland keine Trennung der verschiedenen Behinderungen gibt und die Schüler auch zu keinerlei Abschluss geführt werden. Zum anderen, weil die Arbeit mit Menschen mit Down Syndrom oder mit Autisten eine ganz andere Erfahrung ist! Hier ist es üblich, dass die Schüler nachdem sie die Schule verlassen daheim rumsitzen und gar nichts machen. Außer in einigen wenigen Supermärkten, in welchen auch Menschen mit Down Syndrom arbeiten können, gibt es hier keinerlei  Beschäftigung für die Zeit nach der Schule, nicht einmal für die, die „nur“ Probleme beim Lernen haben.

 

Hier in Chile geht jetzt langsam alles dem Ende zu .Alle Schulen schließen in der ersten Hälfte des Dezembers für die großen Ferien, diese gehen bis Ende Februar. Ich bin mal gespannt wie diese Zeit wird, da auch alle Jugend-, catequesis- und adultos mazores- Gruppen Ferien machen!

Zu meinem Glück werde ich mich nicht nur langweile , da ich in verschiedene Ferienprogramme involviert bin......

 

Anna