Paraguay - das einzige Land Südamerikas, in dem sich die indianische Landessprache erhalten hat

13. Februar 2006: Ankunft in Asunción, Hauptstadt Paraguays; nach sieben weiteren Std. Busfahrt: Ankunft in Pedro Juan Caballero, einer östlichen Grenzstadt zu Brasilien - da war ich also, inmitten zweier Schwestern (Sr. Lili, 43 Jahre, und Sr. Maria, 73 Jahre), einer Novizin (Sara, 24 Jahre), einer Postulantin (Nilda, 19 Jahre) - und eines Hundes namens Pinki. Mein neues Zuhause für 11 Monate sollte von nun an das Kloster der “Hermanas de Notre Dame”, Parroquia San Gerardo, sein! Und es besteht kein Zweifel, dass es das vom ersten Tag an auch war. Die weltweite Gemeinschaft dieser Kongregation schafft eine Atmosphäre, die man in jedem Haus, an jedem Ort, an dem die Schwestern leben oder sich begegnen, spüren kann: alle vermitteln sie den gleichen Geist. Das durfte ich sogleich in meiner ersten Woche erfahren: Die Novizin Sara wurde als „hermana“ in die paraguayer Schwesterngemeinschaft aufgenommen, und zu diesem Anlass waren 13 Schwestern aus sämtlichen Ländern Südamerikas (unter anderem aus Peru, Guatemala, Bolivien, Honduras, Brasilien) angereist. Was für ein Privileg, an einem solch bedeutenden Ereignis teilnehmen und zugleich Schwestern verschiedenster Nationalität kennen lernen zu dürfen - und das noch dazu in meiner ersten Woche!
Aber wer glaubt, dass danach Normalität eingekehrt sei, der irrt gewaltig. Dieses Haus in Pedro Juan Caballero war und ist geprägt von ständigem Wechsel an „Personal“, von Neuerungen, kleinen Abenteuern, unterschiedlichsten Besuchern! Um nur einige Highlights zu nennen: 2-monatige Wohngemeinschaft mit Sr. Lucy aus den USA; Besuche von Schwestern aus Honduras, Brasilien und Argentinien; 3-tägiger Aufenthalt von Klosterbrüdern aus Asunción und ihren peruanischen Novizen (natürlich im anderen, von unserem Teil abgetrennten Bereich des Hauses!), Abreise von Sr. Maria, die nach fünf Jahren Paraguay verließ, um zwei Jahre in Rom mit den Schwestern des Generalats zusammen zu arbeiten, und gleichzeitige Ankunft von Sr. Leetta (63 Jahre, aus den USA), die bereits 11 Jahre Honduras hinter sich hat; 2-monatiges Zusammenleben mit der brasilianischen Novizin Carol (20 Jahre); Besuch von Sr. Laura Jean und Marcela, zwei Mitgliedern des „Consejo General“, dem obersten Gremium der Schwesterngemeinschaft...- und viele weitere kleine Ereignisse, die das alltägliche Leben so interessant machen.

Meine Aufgaben

Ganz dem Anliegen Mutter Teresas entsprechend, verbrachte ich die meiste Zeit meiner „Arbeit“ mit Kindern ärmerer Viertel. Der Ort meiner Tätigkeit („Tupasy Róga“ - ein Name in Guaraní, der so viel bedeutet wie „Haus der Mutter Gottes“) ist nur etwa zehn Autominuten von unserem Kloster entfernt. Meist sind wir tatsächlich gefahren, weil wir Lebensmittel oder andere schwere Gegenstände transportieren mussten. Dort angekommen (Arbeitszeiten: Mo, Di, Do, Fr nachmittags von 14.45 bis 17 Uhr, Di und Do auch vormittags von 8.45 bis 11 Uhr und sonntags von 8 bis 12 Uhr), habe ich mit Liliana, einer 20-jährigen Afiliada, die Kinder beim Fuß-, Volleyball- oder Damespiel beaufsichtigt, ihnen Tänze oder neue Spiele beigebracht, Flötenunterricht erteilt, mit ihnen Lieder einstudiert, durch Bastelarbeiten den dortigen Salon verschönert etc. Auch servierten wir den Kindern stets zum Abschluss einen Imbiss, der aus Saft und Keksen oder hin und wieder auch Brötchen bestand. Sonntags dagegen, wenn bis zu 200 Kinder kamen, erhielten sie schon morgens ein Frühstück und um 11 Uhr dann auch noch ein Mittagessen, zubereitet von der Familie, die dort lebt und den Ort pflegt: Don Bernardo, Doña Maria und ihre drei Kinder. Sr. Leetta hat während der Wochentage auch Näh- und Häkelkurse für Frauen angeboten und Bastelkurse für Kinder geleitet. Überhaupt sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt - finanzielle vielleicht, doch auch die lassen sich meist umgehen durch Ersatzmöglichkeiten (das Sammeln von Streichholzschachteln oder Schokoladenkartons).
Über diese meine Hauptaufgabe hinaus habe ich zwei Mal die Woche die Messe in der an unser Haus angrenzenden Pfarrkirche San Gerardo vorbereitet und den Kochdienst für Mittwoch übernommen (was zugleich andere Verpflichtungen mit sich bringt: Zuständigkeit für Telefon und Hausbesuche; Vorbereitung von Laudes [6.30 Uhr] und Vísperas [17.30 Uhr]). Außerdem findet alle 14 Tage ein Verkauf von Waren statt, die als Spenden aus den USA hierher gelangen und zu billigen Preisen der ärmeren Bevölkerung angeboten werden. Meine freie Zeit (der Montagmorgen, der ganze Samstag, der Sonntagnachmittag oder auch die Stunden zwischen den Arbeitszeiten) konnte ich nach Belieben gestalten, auch wenn ich diese Zeit nicht selten darauf verwandt habe, etwas für die Kinder vor- oder nachzubereiten. Alles in allem empfand ich den Ablauf meiner Woche als sehr angenehm und abwechslungsreich.

Wissenswertes

Zunächst zur Sprache: Paraguay ist das einzige Land, das neben „castellano“ noch eine indianische Umgangssprache pflegt. „Guaraní“ - so lautet übrigens auch der Name der hiesigen Währung (5000 Guaraní entsprechen in etwa 1 Dollar) - wird hier von 90 % der Bevölkerung gesprochen. Vor allem die kleineren Kinder in Tupasy Róga sind nur des Guaraní mächtig. Doch obwohl ich nur einige Floskeln gelernt habe, konnte ich mich mit meinem Spanisch gut verständigen. Mit Hilfe der paraguayer Postulantin und Afiliada war auch das Kommunizieren mit nur Guaraní-sprechenden Kindern oder Erwachsenen möglich - und manchmal sagen ja Gesten und Blicke schon sehr viel.
Bezeichnend für diese mittelgroße Stadt (ca. 80.000 Einwohner) ist auch der rote Sand, der sich in Schuhen und Kleidung ziemlich hartnäckig festsetzt. Wenn es hier regnet, verwandeln sich Strassen in Flüsse und Schlamm und fast niemand verlässt sein Haus, weshalb sämtliche (religiöse) Treffen und Versammlungen buchstäblich ins Wasser fallen. Das kann manchmal frustrierend sein. Allerdings gewöhnt man sich auch mit der Zeit daran und weiß seinen eigenen Lebensstil ein wenig anzupassen. Ein Ratschlag fürs Kofferpacken sei trotzdem angefügt: genügend alte Klamotten mitnehmen! Der rote Sand hinterlässt seine Spuren und erfordert gezielte Handwäsche (es gibt zwar eine Waschmaschine, aber deren Kraft reicht nicht aus, die braunroten Flecken ungesehen zu machen). Folge: drastische Zunahme der Oberarmmuskeln J!
Was das Kochen betrifft, so ist es auf alle Fälle zu empfehlen, ein kleines Rezept-Repertoire im Kopf oder zumindest in einem Büchlein bei sich zu haben - auch wenn Kochen in Deutschland und Paraguay nicht wirklich zu vergleichen ist: Da ist man schon manchmal vor große Herausforderungen gestellt! Neben den uns bekannten Früchten und Gemüsesorten (wie Äpfel, Orangen, Kopfsalat, Tomaten, Karotten, Gurken...) gibt es in Sachen „comida“ viel Neues zu entdecken: z. B. Mandioca (ein längliches Knollengewächs), Batata (eine Art Süßkartoffel), viele Gerichte, die mit Maismehl oder Maizena zubereitet werden, Chipa (eine Art Kringel, bestehend u.a. aus Käse, Eier, Milch, Anis), Sopa (ein Eier-Käse-Zwiebel-Maismehl-Kuchen) etc. Zudem ist die Menge Fleisch (meistens von der „vaca“, d.h. Kuh), die man hier konsumiert - und zwar täglich - ganz schön beträchtlich, und die Zubereitung von Reis hält ebenfalls so einige Überraschungen bereit (der Reis wird zuerst in Knoblauch und Öl frittiert). Aber keine Angst: in einem Jahr lernt man so manches, was man nicht für möglich hielt!


Schöne und weniger schöne Erfahrungen

Natürlich bringt so ein Jahr auch das eine oder andere Problemchen mit sich. Zu allererst wären da die anfänglichen Schwierigkeiten mit der Sprache zu nennen, aber auch das störende Verhalten schlecht erziehbarer Kinder, ebenso wie Verständigungsprobleme innerhalb der „comunidad“ oder die Enttäuschung über geringe Verlässlichkeit von Leuten und Kindern, mit denen man ein Projekt erarbeitet (erscheinen beispielsweise nicht zu Proben und Aufführungen) etc. Doch all dies hat in meinem Freiwilligenjahr nie solche Ausmaße angenommen, dass ich mich hier unwohl gefühlt hätte. Zudem sind einige dieser kleinen Hindernisse, die es zu überwinden gilt, nicht nur kulturbedingt und finden sich ebenso in unseren Breitengraden. Für die ganz alltäglichen, kleinen innergemeinschaftlichen Konflikte haben die Schwestern hier einen Tag der Reflexion oder „reunión“ (einmal in zwei Wochen), der dazu beiträgt, dass man sich über die Belange der „comunidad“ austauschen oder auch persönliche Probleme vorbringen kann. Mit Sr. Leetta hatte ich zudem eine offenherzige Ansprechpartnerin an meiner Seite. Die Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Paraguayer tat ihr übriges, um in mir kein Heimweh aufflackern zu lassen. Freigebigkeit wird groß geschrieben, und das Wenige, das die Menschen hier besitzen, teilen sie gerne mit anderen. Einladungen zu Mittagessen oder zur „cena“, zumindest aber zum „terere“ dem Nationalgetränk Paraguays (in ein oft aus Stierhörnern gefertigtes Gefäß das mit „yerba“, einer Art getrocknetem Graskraut, gefüllt ist, wird eisgekühltes Leitungswasser gegeben, das man wiederum aus Thermoskannen serviert), oder zum „mate“ (der heißen Variante, die man aber nur frühmorgens, abends oder im Winter zubereitet) sind nichts Seltenes.
Nicht vergessen darf man die nahezu paradiesische Pflanzenwelt und das angenehme Klima, die gerade uns „Nordlern“ das Herz öffnen und die Seele streicheln: der überwiegend blaue Himmel mit strahlender Sonne (auch wenn es hier im Winter ganz schön kalt werden kann - bis zu 8 Grad Plus -, zumal im Haus wie im Freien die gleichen Temperaturen herrschen, da es keine elektrische Heizung gibt!) und die Artenvielfalt der Bäume und Blumen bezaubern Sinne und bescheren nicht selten auch noch leckere Früchte (wie Mango, Mamón).
Es ließen sich noch viele weitere Aspekte anführen, die der Erwähnung mehr als wert sind, doch einiges gilt es auch auf eigene Faust zu entdecken. Ich für meinen Teil kann abschließend auf ein wunderschönes Jahr voller außerordentlicher Erfahrungen zurückblicken, das mich Gott und all den Menschen gegenüber dankbar macht, die dazu beigetragen haben, dass sich dieser Traum für mich verwirklicht hat.

Stefanie Gietl aus Paraguay