24. September
Die tiefste Sehnsucht in uns Menschen meint Leben und Zukunft. Von ihr
erwarten wir alles, was wir im je gegenwärtigen Augenblick vermissen,
entbehren, erhoffen. In ihr sehen wir den Anfang der Unendlichkeit.
"Zukunft wagen" ist als Akt des Glaubens
eine existentielle Tugend, die
über unsere Zeitlichkeit ins Unendliche hinausweist, die uns trotz
unserer vielen Erfahrungen von Unzulänglichkeit, von Unrecht, Schuld und
Leid, trotz der Erfahrungen des Scheiterns unbeirrt daran festhalten
lässt, dass sich unser Sehnen nach dem endgültigen Heil und nach der
Erlösung aus der Vorläufigkeit des Daseins auf dieser Erde erfüllen
wird.
Diese Zuversicht ist Gnade.
Damit wir Zukunft haben, deshalb wurde Gott in Jesus Mensch, einer von
uns, er erlöste uns vom Tod und eröffnete uns Zukunft im Reich seines
himmlischen Vaters.
Unsere Zukunft ist also ebenso sicher wie die Vollendung des Reiches
Gottes, zu der wir auf dem Weg sind.
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Zukunft beginnt jetzt, in diesem Augenblick. "Wagen" können wir sie
deshalb nur, wenn wir jetzt leben; für uns Ordensfrauen heißt das: wenn
wir im Jetzt geistlich leben. Und das bedeutet: Wir haben als geistliche
Menschen in dem Maße Zukunft, als wir jeden Augenblick das treu leben,
was wir bei unserer Profess zwar "für die Augen unsichtbar" (Exupéry),
doch als bewusste Erneuerung unserer Taufe wirklich vollzogen, nämlich
dass wir mit Christus gestorben und mit ihm auferstanden
sind. |
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Wir leben inmitten dieser Welt als in und mit Christus Auferstandene.
Unser geistliches Leben stellt nicht eine für bestimmte Anlässe und mit
allerlei religiöser Zier herausgeputzte Fassade unseres "gewöhnlichen"
Lebens dar; es ist unser einziges, unteilbares, einmaliges und
einzigartiges Leben.
Wir leben es dann authentisch, erfüllt und zukunftsorientiert, wenn uns
die Integration aller unserer physischen, geistigen und geistlichen
Anlagen, Fähigkeiten und Lebensäußerungen gelingt, wenn wir auch in den
Niederungen des Alltags Augenblick für Augenblick aus dem Bewusstsein
leben, in Christus zu sein. Nur so erliegen wir auch nicht der
gefährlichen Versuchung, uns auf die eine oder andere Weise der harten
Wirklichkeit unserer Tage zu entziehen und uns in irgendwelche angenehme
religiöse Illusionen zu flüchten.
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Als Einzelne und als Gemeinschaft "wagen" wir "Zukunft", wenn wir "im
Geist und in der Wahrheit" beten (Joh 4,23f), wenn wir immer mehr danach
trachten, dass unser Leben und unser Gebet untrennbar eins sind. |
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Das bedeutet auch, dass wir uns wie Mutter Theresia aufrichtig,
entschieden und kreativ den Herausforderungen der Zeit stellen. Heute
sind das vor allem die Schwierigkeiten und Probleme, die mit dem
Zerbrechen überlebter Denkmuster, Vorstellungen und Strukturen
einhergehen: |
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- Es ist die Krise in der Kirche, die geistliche Not so vieler
Gläubigen, die sich ausgegrenzt und in ihr nicht mehr beheimatet fühlen.
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- Es sind die vielen individual- und sozialpsychologischen Probleme in
unserer Gesellschaft: Egozentrik bis hin zur Egomanie; Sucht und
Gewalttätigkeit in vielfältiger Ausprägung; Isolation; Verweigerung von
Verantwortung; Oberflächlichkeit; Stil- und Disziplinlosigkeit; und
nicht zuletzt die wachsende Tendenz, von eigenem Versagen durch
Schuldzuweisungen auf andere abzulenken.
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- Es ist das grenzenlose Elend der unzähligen Armen und Ausgebeuteten
auf der Welt, der durch Kriege und Katastrophen Gequälten.
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- Und es ist der Schrei der von der Not, noch mehr von der
Gedankenlosigkeit und hemmungslosen Gier der Menschen bedrohten Natur.
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Dem Erschrecken, das uns angesichts dieser
Herausforderungen überfällt, und der Versuchung, im Gefühl der Ohnmacht
zu erstarren, können wir begegnen, wenn wir uns an das Beispiel Mutter
Theresias halten: Sie sah und erlitt die Nöte und Probleme ihrer Zeit
und packte dort, wo sie stand, in unbedingtem Glauben und Vertrauen
energisch und vorbehaltlos das an, wozu sie in der Lage war. Auch von
uns wird nicht mehr, aber auch nicht weniger verlangt. |
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Wenn wir wie Mutter Theresia nicht zuerst an uns selbst denken, sondern,
eins in der Sendung und in der Liebe, gemeinsam auf den Herrn schauen
und dem Anruf seines Geistes trauen, wird er uns die Kraft schenken,
alle Verzagtheit zu vergessen, alle Engherzigkeit, Lähmung und Angst
hinter uns zu lassen, werden wir Mut und Zuversicht schöpfen und so
wirklich unsere Zukunft – nicht nur wagen, sondern gewinnen. |
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- Denn "Zukunft wagen",
heißt vor allem GLAUBEN,
- glauben, dass Gott der Herr auch dieser Zeit ist,
- glauben, dass nichts vergeblich ist, was wir in seinem Namen tun,
- glauben, dass er uns retten, Zukunft schenken will.
Wie die Zukunft in dieser Zeitlichkeit für unsere Kongregation, für
eine jede Einzelne von uns Armen Schulschwestern von Unserer Lieben
Frau aussehen wird, wissen wir nicht.
Was wir jedoch wissen ist, dass unsere Zukunft auch in unserer Hand
liegt; denn Punkt 115 unseres Generaldirektoriums sagt:
"Wir übernehmen" mit der "Verantwortung für unsere fortwährende
personale Entfaltung … auch die Verantwortung für die Zukunft
unserer Kongregation" und zwar "durch das Zeugnis, das wir in
unserem Alltag geben".
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