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 Prüfungen

24. Juni
"Das Gute findet überall der Hindernisse gar viele …", schrieb Mutter Theresia am 31. März 1855 inmitten einer der schwersten Prüfungen, die sie zu bestehen hatte, und bezeugte damit nicht nur ihre Erfahrung, sondern eine Weisheit, die sich nur jenen wirklich erschließt, die mutig und standhaft zur eigenen, jedoch im Willen Gottes gegründeten Überzeugung stehen.
Wie ein Mensch mit den Schwierigkeiten umgeht, die sich ihm in den Weg stellen, wie er sich den Prüfungen seines Lebens stellt, daran erweist es sich auch, ob er dem Anruf Gottes – oder lediglich seinen eigenen begrenzten Vorstellungen folgt.


Es ist unmöglich, die zahllosen Schwierigkeiten und Heimsuchungen zu beschreiben, die Mutter Theresia und mit ihr die Schwestern der Gründergeneration unserer Kongregation zu bestehen hatten, doch müssen wir uns um der Ehre Gottes und auch um unserer eigenen Zuversicht und unseres Trostes willen zumindest einige besonders bedeutsame vergegenwärtigen.


Nach menschlichem Ermessen wäre es Mutter Theresia nicht zu verdenken gewesen, wenn sie bereits nach Bischof Wittmanns Heimgang oder spätestens nach dem plötzlichen Tod von Franz Sebastian Job die Klostergründung aufgegeben hätte. Sie war fast mittellos, das vorgesehene Haus in Neunburg eine finanziell nicht abgesicherte Baustelle, die zuständigen Behörden wenn nicht ablehnend, so doch (wie auch weite Kreise der Bevölkerung) völlig verständnislos.
Doch Mutter Theresia gab nicht auf – sie ertrug Hunger und Mangel, den Weggang von Schwestern und, wie im Fall Württemberg und Böhmen, die Abspaltung ganzer Gemeinschaften, sie ertrug klaglos Missachtung und Demütigungen aller Art. Weder böswillige Verdächtigungen und Verleumdungen noch schwere Krankheit konnten sie beirren. Ihre einzige Sorge war, dass sie ihrem Auftrag nicht gerecht werden oder dem Werk Gottes schaden könnte.


Als sich 1847 nach ihrer Ankunft in Amerika schier unüberwindliche Schwierigkeiten auftaten, als der von König Ludwig I. als Wegbereiter mitgeschickte Baron Schröter mit dem größten Teil des Kapitals für die neue Gründung spurlos verschwand und die von ihm gepriesene "Stadt St. Maria" sich als armselige Urwaldsiedlung erwies, als die amerikanischen Bischöfe ihr erklärten, deutsche Schwestern seien unerwünscht, sie solle am besten gleich wieder nach Hause fahren, schloss sie den Brief, in dem sie dem Spiritual Matthias Siegert alle Fehlschläge, Hindernisse und entmutigenden Enttäuschungen auflistete, mit den Worten: "Da Gott uns so viel Schweres zumutet, erwarte ich Großes von dieser Gründung."

So kann nur eine Frau sprechen, die bedingungslos dem Herrn vertraut. Und sie wird nicht enttäuscht: Als sie 32 Jahre nach diesem prophetischen Wort stirbt, zählt der amerikanische Ordenszweig weit mehr als 1.000 Schwestern und 300 Kandidatinnen, die rund 36.000 Kinder und Jugendliche betreuen.
 
  Die wohl härteste Feuerprobe ihres Glaubens und ihrer Standhaftigkeit jedoch erwartete Mutter Theresia bald nach ihrer Rückkehr aus Amerika: Eine ehrgeizige Schwester im württembergischen Rottenburg, die sich zur Oberin berufen fühlte und das dortige bischöfliche Ordinariat für ihre Ziele einzuspannen verstand, löste mit ihren Intrigen eine ernste Krise für den ganzen Orden aus. Diese entzündete sich unmittelbar an der seit der Gründung offenen Frage nach einer kirchlich approbierten Ordensregel sowie der fehlenden Definition des kirchenrechtlichen Status der neuen Ordensgemeinschaft und führte zu einem für die Kongregation sehr gefährlichen Konflikt mit dem damaligen Münchener Erzbischof Karl August Graf Reisach.

Für Mutter Theresia war dieser Konflikt umso schmerzhafter, als sie sich bis dahin nicht nur des besonderen Wohlwollens des Erzbischofs hatte erfreuen dürfen, sondern vor allem, weil sie sich ganz bewusst als "Frau der Kirche" verstand. So bedeutete es für sie die größte Pein, ihrem Bischof entschieden widersprechen zu müssen.
Doch Mutter Theresia wusste sich bedingungslos dem Stifterwillen Bischof Wittmanns und dem darauf abgestellten Regel-Entwurf Franz Sebastian Jobs verpflichtet, die besagten, dass die neue Ordensregel vor allem dem Sendungsauftrag der jungen Kongregation gerecht werden müsse. Da die Schwestern (anders als die Chorfrauen de Notre Dame, auf deren Regel sie ihre Gelübde abgelegt hatten) verstreut in vielen mehr oder minder kleinen Gemeinschaften lebten, war es um der Einheit willen unbedingt nötig, dass sie unabhängig vom jeweiligen Ortsbischof zentral von einer gemeinsamen Generaloberin geleitet wurden.


Diese bis dahin für eine Frauenkongregation unübliche zentrale Leitung durch eine Frau sowie das unbedingte Festhalten Mutter Theresias an der Klausur lehnte Erzbischof Reisach jedoch kategorisch ab.
Schließlich hielt er sich für verpflichtet, die Angelegenheit energisch selbst in die Hand zu nehmen und allein zu entscheiden, wie die Frage der Ordensregel und der kirchlichen Anerkennung zu lösen sei.

Am 22. April 1852 erschien er im Mutterhaus am Anger, um den versammelten Schwestern seine Beschlüsse mitzuteilen und sie unter Androhung der Exkommunikation aufzufordern, sich sofort seiner unmittelbaren Leitung zu unterwerfen. Als der Spiritual Matthias Siegert um Anhörung und eine Aussprache bat, wurde er des Saales verwiesen. Die ratlosen Schwestern brachen in Tränen aus.
Mutter Theresia aber kniete vor dem Erzbischof nieder und legte eines der kostbarsten Zeugnisse wahrhaft katholischer Mündigkeit und Freiheit ab, indem sie sagte: "Ich unterwerfe mich Euer Erzbischöflichen Gnaden – soweit dies nicht dem Willen Gottes und meinem Gewissen widerspricht." Und ihre Schwestern erklärten eine nach der anderen: "Ich unterwerfe mich im gleichen Sinne wie unsere Ehrwürdige Mutter."
Mit dieser weisen, wahrhaft demütigen Glaubenshaltung überwand Mutter Theresia den für die Kongregation und für sie persönlich äußerst bedrohlichen Konflikt. Ihr Gottvertrauen, ihre Standhaftigkeit und Klugheit eröffneten ihr die Möglichkeit, an den Papst zu appellieren und sich mit ihren Schwestern einem jahrelangen Anerkennungsprozess zu stellen, der schließlich 1859 zur vorläufigen und 1865 zur endgültigen kirchlichen Approbation einer Ordensregel führte, die alle Elemente enthielt, auf die Mutter Theresia nicht verzichten konnte und wollte.

Freilich war damit die Zeit der Prüfungen für die Kongregation keineswegs vorbei. In Wahrheit dauert sie bis zum heutigen Tag und mit absoluter Sicherheit auch darüber hinaus an, obgleich Art und Umfang der Prüfungen ebenso sicher immer wieder anders sein werden.
Kriege in Europa und Amerika, insbesondere der Amerikanische Bürgerkrieg von 1861 bis 1865, der sog. Deutsche Krieg von 1866 sowie der Erste und Zweite Weltkrieg (1914/18 und 1939/45) führten zu Bedrohung, Vertreibung und großem Leid sowohl für einzelne Schwesterngemeinschaften als auch ganze Provinzen und brachten zeitweilig fast die Einheit der Kongregation in Gefahr.
Im Zuge politischer Entwicklungen und Veränderungen sahen sich viele Schwestern plötzlich der Verfolgung und Ausweisung ausgesetzt. Schon während des Kulturkampfs in Preußen wurden sie ab 1872 aus den öffentlichen Schulen verbannt, eine große Anzahl von Häusern in Westfalen und Schlesien mussten geschlossen werden, selbst in Bayern drohte für kurze Zeit die Auflösung der Kongregation.
  Die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland untersagte ab 1937 den Schwestern sowohl in öffentlichen als auch in ordenseigenen Schulen zu unterrichten und beraubte sie so ihrer Einkünfte zum Lebensunterhalt. Die ordenseigenen Schulgebäude wurden zunächst beschlagnahmt und dann meist vom Staat gegen ein geringes Entgelt angemietet. Viele Schwestern fanden in der kirchlichen Verwaltung oder als Seelsorgehelferinnen in der Diaspora eine neue Aufgabe, andere wanderten nach England, Schweden, in die USA oder nach Südamerika aus, um dort dem Reich Gottes zu dienen.
Mit der Verbreitung des russischen Kommunismus nach dem Zweiten Weltkrieg bis nach Mitteleuropa brach für die Schwestern in Polen, Ungarn, vor allem aber in Rumänien und der damaligen Tschechoslowakei eine Zeit der Verfolgung und Unterdrückung an, die bis zum Zusammenbruch des Ostblocks andauerte und die Treue der Schwestern auf eine harte Probe stellte – die sie jedoch tapfer bestanden. Nicht nur dass sie, wie im heutigen Tschechien und in Rumänien, trotz menschenunwürdiger Internierung und staatlichen Verbots eisern zusammenhielten und sich gegenseitig unterstützten, sie bewiesen auch großen Einfallsreichtum, um die staatlichen Schikanen zu unterlaufen und guten Kontakt zur jeweiligen Generaloberin zu halten. Die gemeinsame Not, das gemeinsame Leid stärkte ihre Gemeinschaft; sie lebten ihre Berufung bewusster und in ungebrochener Treue im Zeichen des Kreuzes Christi.
Mutter Theresias Briefe aus den Zeiten ihrer Bedrängnis bezeugen auf einmalige Weise, in welcher Haltung sie sich allen Prüfungen und den damit verbundenen Leiden stellte. Sie verstand es, alle Bedrohungen, alle Gefahren und Nöte zuerst realistisch und nüchtern festzustellen, um ihnen dann angemessen zu begegnen.
Stets unternahm sie umsichtig alles, was sie mit ihrem scharfen Verstand als notwendig und richtig erkannte. Stets setzte sie alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel ein, um der jeweiligen Gefahr gegenzusteuern, ließ es aber dabei nie bewenden. Vielmehr verstand sie jede Prüfung vor allem als Anruf Gottes zu Besinnung und Gebet, zu unbegrenztem Glauben und Vertrauen. Daraus gewann sie ihre Gelassenheit und wunderbare Zuversicht.
Heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts sehen wir uns in einer ganz anderen Zeit ganz anderen, für unsere Kongregation freilich nicht minder schweren und bedrohlichen Prüfungen ausgesetzt als Mutter Theresia und die vielen Schwestern, die vor uns lebten.
Insbesondere der sich beschleunigende Schwesternrückgang und die Überalterung unserer Gemeinschaft zwingen uns, Schritt für Schritt und schweren Herzens das wieder aufzugeben, was Generationen vor uns unter großen Mühen und Opfern aufbauten.
Doch auch heute gilt noch unverändert Mutter Theresias Wort aus dem Jahre 1866: "Es wird im Feuer sich erproben, was Gold oder Kupfer ist."
Deshalb sollten wir in den Prüfungen unserer Zeit nach ihrem Vorbild jeden Schmerz, jedes Leid, die uns persönlich oder die ganze Kongregation treffen, als Erprobung der Echtheit unserer Gesinnung und unseres geistlichen Lebens verstehen und uns fragen:

  • Lassen wir uns von den großen Zeitfragen, die unsere Gemeinschaft bedrängen, lähmen – oder herausfordern sowohl zum klugen und entschiedenen Handeln als gleichermaßen zum vertrauensvollen Gebet?
  • Wuchern wir mit den "Talenten", die Gott uns anvertraute, damit wir unseren Sendungsauftrag möglichst gut erfüllen – oder "vergraben" wir sie in egozentrischer Ängstlichkeit und Sorge? (vgl. Mt 25,15)
  • Suchen wir bei allem, was wir tun, immer und zuerst das "Reich Gottes und seine Gerechtigkeit" (Mt 6,33) – oder kreisen wir lieber um uns selbst?
  • Öffnen wir uns immer mehr dem Geist der Unterscheidung? Sind wir uns bewusst, dass die Erfüllung unserer Sendung dem "Buchstaben" nach "tötet", wie Paulus sagt, – und wagen wir es vertrauensvoll, uns dem lebendig machenden "Geist" zu überlassen (2 Kor 3,6), dem Geist der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens?
 

In aller Bedrängnis und Unsicherheit unserer Zeit wissen wir eines sicher:
Nur wenn wir treu zusammenstehen und unverdrossen das Gute tun,
 überwinden wir nicht nur "die Hindernisse", die sich uns in den Weg stellen,
wir gewinnen auch Kraft und Zuversicht aus dem Wort Mutter Theresias:

"Mag es von außen stürmen soviel es will;
unser Orden wird fortblühen und feststehen,
solange wir unter uns in heiliger Liebe verharren."
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