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Wandlungen |
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24. Juli 2008 Alles Leben auf dieser Erde ist dem Wandel unterworfen; es kennzeichnet sich durch Bewegung und Veränderung. Wer oder was immer sich dieser Gesetzlichkeit verweigert, liefert sich dem Tod aus. Wenn wir also in diesem Jahr den 175. Geburtstag unserer Kongregation feiern, dann feiern wir auch 175 Jahre der Veränderungen und Wandlungen; und wir feiern 175 Jahre Leben. |
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Als die Kongregation der Armen Schulschwestern de Notre Dame 1833 ins
Leben trat, stellte sie nichts genuin Neues dar, sondern eine nach den
Erfordernissen der Zeit veränderte Form des Ordens der Chorfrauen de
Notre Dame. Dessen waren sich Mutter Theresia und vor ihr bereits
Bischof Wittmann und Franz Sebastian Job durchaus bewusst. Wichtig für Mutter Theresia war nie das, was wir heute unter "Profil", "Image" und "Selbstdarstellung" verstehen, sondern allein, dass sie den erkannten Willen Gottes möglichst vollkommen erfüllte und dafür den besten gangbaren Weg fand. Wichtig war für sie, ein Fundament zu haben, auf das sie ihre neue Form des Ordenslebens gründen konnte. Die damit verbundenen Veränderungen der Notre-Dame-Regel sollten sowohl deren organische Weiterentwicklung als auch ein den Zeitumständen entsprechendes geistliches Leben ermöglichen, in dem sich Spiritualität und apostolischer Dienst zur größeren Ehre Gottes und dem Heil der den Schwestern anvertrauten Kinder und Jugendlichen gegenseitig befruchteten und förderten. |
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Franz Sebastian Job hatte Mutter Theresia geraten, sich und den
Schwestern genügend Zeit zu lassen, damit sie aus den Erfahrungen des
klösterlichen Alltags gemeinsam eine gültige Lebensregel für die Armen
Schulschwestern schaffen konnten. Dass sie diesem weisen Rat selbst in der harten Prüfung im Konflikt mit Erzbischof Reisach folgte, stellte sich schließlich als großer Segen für die Kongregation heraus. Dieser zeigte sich im vertieften Selbstverständnis und dem Zusammengehörigkeitsbewusstsein der jungen Gemeinschaft; er begleitete sichtbar auch den Weg, den Mutter Theresia zur Erreichung ihres Zieles einschlug: Sie hörte zu jedem einzelnen Punkt der neuen Regel die Erfahrungen und die Stellungnahme jeder Schwester und bewies damit nicht nur ihre in aufrichtiger Demut begründete Souveränität und Charakterstärke, sondern vor allem ihre natürliche Autorität und außerordentlichen Führungsqualitäten. Dem damaligen Autoritätsverständnis um mehr als ein Jahrhundert voraus, hinterließ sie uns so ein kostbares Vermächtnis schwesterlicher Entscheidungsfindung und geistlicher Gemeinschaft. |
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Die 1865 von Pius IX. approbierte Lebensregel der Armen Schulschwestern de Notre Dame war in einer Neufassung von 1924, die in allen deutschsprachigen Ländern auf den im 1. Weltkrieg abgeänderten Namen "Arme Schulschwestern von Unserer Lieben Frau" lautete, bis nach dem II. Vatikanischen Konzil für alle Schwestern auf der Welt verbindlich. Das bedeutete jedoch nicht, dass das Leben und der geistliche Horizont der Schwestern sich mit der Zeit in den einzelnen Ländern nicht geändert bzw. erweitert hätte, doch fanden die Veränderungen ihren schriftlichen Niederschlag lediglich in den regional notwendigen Modifizierungen in der Auslegung der Ordensregel. |
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Erst der 2. Weltkrieg und seine Folgen führten zu einem größeren Wandel im Selbstverständnis der Schwestern und der Gesamtkongregation als internationale Gemeinschaft. Orientierte sich das 11. Generalkapitel der Kongregation, das als erstes nach dem Krieg 1950 in München stattfand, noch am "Altbewährten" aus der Vorkriegszeit, um es zu bewahren, so kam es beim nächsten Generalkapitel 1956, dem letzten in München, bereits zu einigen einschneidenden Veränderungen: Mit Schwester M. Ambrosia Roecklein wählten die Delegierten die erste amerikanische Generaloberin. Um die Einheit der Kongregation zu stärken und ihrer Internationalität Rechnung zu tragen, beschlossen sie auch eine Reihe von Verfassungsänderungen, so die Errichtung neuer Provinzen, die Abschaffung des amerikanischen Generalkommissariats und die Verlegung des Generalats von München nach Rom. Auch einige vorsichtige Anpassungen an das moderne Leben wurden vorgenommen: Man beschloss eine erste Änderung des Ordenskleides und die Erlaubnis zu kurzen (bis dahin verbotenen) Heimatbesuchen der Schwestern sowie zu einer sinnvollen Nutzung des Fernsehens. |
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Der entscheidende spirituelle Wandel in unserer
Kongregation aber geschah nach dem II. Vatikanischen Konzil
(1962 – 1965), das sich nicht nur vorurteilslos mit den
geistesgeschichtlichen und gesellschaftlichen Veränderungen
auseinandersetzte, die seit der Aufklärung und der Französischen
Revolution in der Welt stattgefunden hatten, jedoch nicht dem Weltbild
der Kirche entsprachen; – es vollzog vor allem die Abkehr von der
Verrechtlichung des Glaubens und stellte die befreiende Heilsbotschaft
Jesu vom Reich Gottes in die Mitte der Verkündigung. Das mutige Wort Papst Johannes' XXIII., die Türen und Fenster der Kirche weit zu öffnen, den Problemen der modernen Welt mit ihren veränderten Sozial- und Autoritätsstrukturen im Licht und mit der Kraft des Glaubens unvoreingenommen zu begegnen und das neue Selbstverständnis der Menschen als Herausforderung zu begreifen, ließ die Christenheit befreit aufatmen. Es weckte in der Kirche unbeschreibliche Aufbruchsstimmung und neue Freude am Glauben. |
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Begeistert begrüßten die meisten von uns Schulschwestern das
Konzilsdekret "Perfectae Caritatis", das uns mit dem
Aufruf zur "zeitgemäßen Erneuerung des Ordenslebens"
ermutigte, unser geistliches Leben im Licht der Frohen Botschaft Jesu
neu zu überdenken und eine zielstrebige geistliche Erneuerung der ganzen
Kongregation einzuleiten. In den Jahren von 1968 bis 1982 fanden in sechs Sessionen unter dem Vorsitz der Generaloberinnen M. Georgianne Segner bzw. ab 1977 Mary Margaret Johanning vier Generalkapitel statt, deren Hauptaufgabe es war, in enger Zusammenarbeit mit allen Schwestern der Kongregation eine neue, zeitgemäße Ordensregel zu erarbeiten, die in Übereinstimmung mit unserer Tradition sowie im Einklang mit Perfectae Caritatis stand. Nach jahrelanger Erprobung durch die Schwestern und nach mehreren Revisionen wurden Konstitution und Generaldirektorium schließlich unter dem Namen "Ihr seid gesandt" (ISG) im Kapitel 1982 von den Delegierten einstimmig angenommen und 1986 von der Religiosenkongregation approbiert. |
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Die kaum zu überschätzende Bedeutung von ISG besteht darin, dass sie die Wandlungen unserer ursprünglichen Spiritualität in das 20. Jahrhundert zukunftsorientiert fortschreibt und sowohl im Inhalt als vor allem im Aufbau und in der theologischen Akzentsetzung die Grundlage für die weitere gedeihliche Entfaltung unseres geistlichen Lebens ins 21. Jahrhundert bietet. Bedeutsam und kennzeichnend für unsere Konstitution ist, dass sie die Darstellung unserer Sendung an den Anfang stellt und unmittelbar darauf die geistliche Gemeinschaft als das Fundament unserer Lebensgestaltung und unseres missionarischen Auftrags beschreibt. Es ist der Geist der "Freiheit der Kinder Gottes" (Röm 8), der durchgängig aus unserer Lebensregel spricht. Sie legt großen Wert auf die Würde und die personale Entfaltung der einzelnen Schwester und sieht Gelübde und geistliches Leben im Licht bedingungsloser Liebe und der persönlichen Verantwortung. |
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| Die Autorität der Leitung steht primär nicht für Macht, sondern für den Dienst an der Einheit der Gemeinschaft und an der gemeinsamen Sendung. Nachdrücklich weisen Konstitution und Direktorium darauf hin, dass wir das Ziel unserer Sendung nur in gemeinsamer Verantwortung und im ständigen aufrichtigen Dialog erreichen können. Die starke Betonung der von mündigen Schwestern getragenen Gemeinschaft sowie der gegenseitigen und gemeinsamen Verantwortlichkeit beweist, dass es in ISG keineswegs um eine Verwässerung der Ordensspiritualität oder gar um eine "Erleichterung" des Ordenslebens geht, sondern um die richtige, den heutigen Bedingungen angemessene Schwerpunktsetzung im geistlichen Leben, um die gesunde "personale Entfaltung" jeder Schwester und die damit verbundene Vertiefung und Bereicherung des spirituellen Lebens – mit dem Ziel, der Welt zu bezeugen, dass unser Gott "der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus" (2 Kor 1,3), ein Gott des Lebens, der Befreiung und des Heiles ist. | |
| Kennzeichnend ist sodann, dass unsere Lebensregel den Blick der Schwestern über ihre persönlichen Belange, über ihr je unmittelbares Umfeld und über die Kongregation hinaus lenkt und angesichts der bedrohlichen ökologischen, sozialen und politischen Probleme in der Welt das Verantwortungsbewusstsein für Gottes ganze Schöpfung wachruft. | |
| Dass dieser Geist von ISG in der Kongregation lebendig ist, lässt sich neben der Arbeit unseres NGO-Büros bei den Vereinten Nationen in New York und unseres weltweiten Netzwerkes Shalom für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung vor allem an den thematischen Schwerpunkten der sechs Generalkapitel nach dem Inkrafttreten der Konstitution und den für jeweils fünf Jahre erlassenen Aktionsaufträgen ablesen: | |
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Veränderung und Wandel in unserem Leben vollziehen sich meist im Zeichen des Kreuzes Christi. Sie sind nicht Selbstzweck, sondern letztlich Hinweis auf die Vergänglichkeit alles Irdischen und erinnern uns daran, dass unser Leben in dieser Zeitlichkeit die endgültige Verwandlung in Gott zum Ziel hat. So beten wir voll Vertrauen: |
Du Gott des Lebens, Vater des Lichtes und der Vollendung, erfülle uns mit deinem Geist, dem Geist der Innerlichkeit und der Anbetung, dem Geist der Unterscheidung und Ermutigung, dem Geist des Feuers und der Verwandlung. Bewahre uns vor Kleinmut und Stillstand, vor Müdigkeit und Verweigerung. Lass uns jeden Tag neu aufbrechen zur je größeren Liebe und Treue, damit wir immer mehr gleichgestaltet werden Jesus Christus, deinem Sohn, unserem Bruder und Herrn. Amen. |