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     Die Gründerin

24. Februar 2008
Unser Gott wirkt seine Heilstaten durch die freie Entscheidung von Menschen. Jedes aufrichtige, ein Leben lang in Treue durchgehaltene Ja zu Gottes Anruf trägt als Ausdruck höchster Liebe und Freiheit stets reiche Frucht, auch wenn im Augenblick der Entscheidung und auf weiten Strecken des Lebensweges kein anderes als das "dunkle Licht des Glaubens" (Johannes vom Kreuz) leuchtet.
 
Von dieser Wahrheit zeugen Leben und Werk unserer Gründerin Karolina Maria Theresia von Jesu Gerhardinger. Als sie, erst zwölfjährig, im Jahre 1809 dem Wunsch des Regensburger Dompfarrers Georg Michael Wittmann zustimmte und sich zur Lehrerin ausbilden ließ, konnte sie nicht ahnen, welche Folgen ihr Entschluss für die Bildungs- und Heilsgeschichte nicht nur ihres Vaterlandes, sondern der ganzen Kirche haben würde.
Sie hatte sich mit ihrem Ja zu diesem Lebensweg zwar frei, aber keineswegs begeistert entschieden; denn hochbegabt, aufgeweckt und energisch wie sie war, bot ihr eine enge Schulstube keine erstrebenswerte Zukunftsperspektive, zumal sich ihr auch nach Herkunft und Bildung weit attraktivere Möglichkeiten eröffnet hätten.
Am 20. Juni 1797 in Stadtamhof bei Regensburg als Tochter des angesehenen Schiffmeisters Willibald Gerhardinger und seiner Frau Franziska geboren, wächst die wissbegierige kleine Karolina in ihrem Elternhaus in einer Atmosphäre geschäftiger Tüchtigkeit, Weltoffenheit und gläubiger Verantwortung auf.
Sie besucht die Schule der Chorfrauen de Notre Dame und lernt in den spannungsreichen, unruhigen Zeiten des Rationalismus und der Napoleonischen Kriege früh, politische, soziale und kulturelle Ereignisse und Umbrüche nüchtern zu sehen, sicher zu beurteilen und daraus mutig die richtigen Schlüsse zu ziehen – Fähigkeiten, die sie ein Leben lang auszeichnen werden.



1809, im Jahr ihrer Lebensentscheidung, ist sie Zeugin der nächtlichen Beschießung Regensburgs durch die napoleonischen Truppen und bald darauf auch der im Zuge der Aufklärung von der Kgl. Regierung verfügten Auflösung von Kloster und Schule der Notre-Dame-Frauen.


Beide Ereignisse prägen nicht unerheblich ihre Lebenseinstellung. Die Art, wie sie mit ihren Erfahrungen umgeht, zeigt uns ein junges Mädchen von erstaunlicher Charakterstärke und personaler Reife:
Sie sieht die Not der Menschen und erkennt, dass sie sich ihr nicht entziehen kann, dass sie gefordert ist, wenn die Welt ein wenig besser werden soll, und springt unmittelbar nach Abschluss der eigenen Schulzeit entschlossen in die Bresche, die mit der Auflösung des Stadtamhofer Schulklosters geschlagen worden war: Unter der Aufsicht von Kaplan Georg Maurer unterrichtet sie die armen Kinder, um die sich niemand sonst gekümmert hätte.

1812 legt Karolina ihre Anstellungsprüfung als "Kgl. Bayerische Lehrerin" ab. In den folgenden 21 Jahren baut sie die Mädchenschule in Stadtamhof zur Musterschule aus und entfaltet sich selbst zur sicherlich bedeutendsten Pädagogin des 19. Jahrhunderts. Sie ist eine begeisterte und begeisternde Lehrerin, von ihren Schülerinnen wegen ihrer Güte, Fröhlichkeit und Liebe zur Musik geliebt und als Vorbild verehrt. Später wird sie ihre Schwestern lehren, dass sie nur dann erfolgreich unterrichten und erziehen können, wenn sie zuerst "die Herzen der Kinder gewinnen".

Als besonderes Kennzeichen unserer Mutter Theresia fällt die Ganzheitlichkeit ihres Lebens und Tuns auf. Schon als ganz junge Lehrerin reift sie unter der Führung Georg Michael Wittmanns, des späteren Bischofs von Regensburg, zu einer Persönlichkeit von erstaunlich eigenständiger spiritueller Tiefe. Ihre damalige Gefährtin und lebenslange Freundin Anna Hotz beschreibt sie als schöne junge Frau, die besonderen Wert auf gute Kleidung legt. Das hindert sie jedoch nicht, sich immer mehr Wittmanns Vision von einem modernen Schulorden zu eigen zu machen, dessen Schwestern auch in ärmsten Landgemeinden solidarisch mit den Armen leben, um ihrer Bildungsnot abzuhelfen.
Wie sehr Karolina aus der Kraft des Glaubens lebt, von Gott gerufen zu sein, und ihre Entscheidungen nach seinem Willen trifft, wird offenbar, als die Gründung der Kongregation sich zunehmend als äußerst schwierig erweist und Bischof Wittmann im Frühjahr 1833 stirbt. Ohne auch nur das kleinste Zögern geht sie zielstrebig den eingeschlagenen Weg weiter, bricht sie die letzten Brücken einer gesicherten zivilen Existenz hinter sich ab und gibt auch dann nicht auf, als sie 1834 nach Franz Sebastian Jobs Tod mit ihren beiden Gefährtinnen fast mittellos dasteht. Nicht dass sie den Ernst ihrer Lage nicht erkannt hätte, doch gerade weil sie über ein hohes Maß an scharfem und auch wirtschaftlichem Verstand verfügt, ergreift sie nicht nur alle sich bietenden Möglichkeiten der finanziellen Förderung, um das "Werk Gottes" zu sichern, sondern setzt zugleich in unbegrenztem Vertrauen ihre Hoffnung auf Gott – und wird nie enttäuscht.
Das Grundthema ihres Lebens ist die Liebe.
So schreibt schon 1822 die Fünfundzwanzigjährige in ihren geistlichen Aufzeichnungen: "Wider alles Böse siegt die Liebe." Und:
"Die Liebe gibt mit Freuden alles - und wieder und täglich alles."


Ihre Zuversicht schöpft Mutter Theresia aus dem kontemplativen Gebet. Aus der Versenkung in das Geheimnis der Eucharistie gewinnt sie ihre ungeheuere Energie und Arbeitskraft:
Sie leitet mit souveräner Umsicht die rasch wachsende Kongregation, schult ihre Schwestern im geistlichen Leben und bildet sie zu tüchtigen Lehrerinnen aus, wagt als 50-Jährige die Verpflanzung der Gemeinschaft in die Neue Welt, verhandelt ständig mit Behörden aller Art über die Gründung neuer Häuser, entwirft Unterrichtspläne und Lehrbücher, schreibt unzählige Briefe und erträgt immer wieder Anfeindungen, Rückschläge und Leid mit bewundernswerter Gelassenheit und Zuversicht.
Weder Krankheit noch Arbeitsbelastung noch Enttäuschungen können sie hindern, allen, denen sie begegnet oder die ihr anvertraut sind, ihr liebevolles Herz zu öffnen und ihnen ungeteiltes Wohlwollen zu schenken. Ihre besondere Aufmerksamkeit gilt den armen Kindern. So sorgt sie stets dafür, dass sie in den Schulen einen Teller warme Suppe bekommen und dass die zahlreichen Waisen in den für sie errichteten Heimen mütterliche Liebe und Geborgenheit finden.
  
Für sich selbst arm und anspruchslos, ist Mutter Theresia für die Errichtung und Ausstattung ihrer Schulen das Beste gerade gut genug. "Diese Frau weiß, was sie will; und was sie will, ist groß gedacht",
urteilt König Ludwig I. von Bayern, nachdem er ihren Entwurf zur Errichtung des Mutterhauses in München gelesen hat.
Das Geheimnis von Mutter Theresias gesegnetem Wirken ist ihre unbedingte Selbstvergessenheit und Hingabe an den Herrn, von dem sie sich gerufen weiß, die Unwissenden zu lehren und den Armen zu dienen. Bei keiner ihrer Entscheidungen dachte sie je zuerst an sich selbst.
So vollendet sich in ihrem Tod am 9. Mai 1879 ein heiliges Leben und die Geschichte einer großen, einzigartigen Berufung – uns zum Vorbild und zur Ermutigung.
Das bestätigte die Kirche am 17. November 1985 durch Mutter Theresias Seligsprechung.

Selige Mutter Theresia,
du große Frau des Glaubens und des Gebetes,
du Frau der rechten Entscheidung und inneren Freiheit,
du weise Lehrerin des Lebens:
Hilf uns, Gottes Anruf zu hören.
Zeige uns den rechten Weg des Lebens durch die Irrgärten dieser Welt.
Erbitte uns vom Herrn den Geist der rechten Unterscheidung und den Mut, ihm wie du, unbeirrt, standhaft und treu nachzufolgen.