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  Spiritualität

24. April
Wollen Menschen gemeinsam in Frieden leben, geben sie sich dafür Regeln, eine von allen Beteiligten anerkannte Ordnung. Da jedoch, wie Paulus lehrt, "der Buchstabe tötet" und nur "der Geist lebendig macht" (2Kor 3,6), ist geistliche Gemeinschaft ohne den Atem des Geistes, ohne gemeinsame Spiritualität unmöglich.
Spiritualität ist der Geist, der einer Gemeinschaft die innere Dynamik und das Gesicht gibt, der sie prägt und zusammenhält, der Geist, mit dem sich die Mitglieder einer Gemeinschaft identifizieren. Sie ist auch die spezifische Art und Weise, wie eine Gemeinschaft die Nachfolge Jesu und die eigene Sendung lebt.

 
Unter den verschiedenen spirituellen Traditionen in der Kirche folgen wir Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau der des Heiligen Augustinus. Er verstand unter einer geistlichen Gemeinschaft einen in der Liebe Gottes gründenden Freundeskreis, dessen Ziel es ist, in allem den Lebendigen Gott zu suchen und von seiner Liebe Zeugnis zu geben.
So entfaltet sich unsere Spiritualität aus der Vorstellung des bedingungslos liebenden Gottes. Von ihm wissen wir uns gerufen und gesandt; in ihm ist unser Leben in allen seinen Höhen und Tiefen geborgen. Das gibt uns die Kraft, Widerstände gegen die "Freiheit der Kinder Gottes" (Röm 8,21), auch jene in uns selbst, zu überwinden, die unvermeidlichen Schwierigkeiten und Leiden menschlicher Existenz nicht nur zu ertragen, sondern als Chance personaler Entfaltung anzunehmen.
Der Glaube an den bedingungslos liebenden Gott lässt uns nach dem Vorbild unserer Seligen Mutter Theresia unbegrenzt vertrauen. Er ermutigt uns, als seine Zeugen "die Herzen der Menschen zu gewinnen", und stärkt uns, selbst in Bedrängnis und Leid tagtäglich unverdrossen unseren apostolischen Dienst an den Menschen kreativ zu gestalten, ihn solidarisch und qualifiziert zu erfüllen.



Spiritualität ist mehr als ein geistliches Konzept, mehr als Regeln und Vorschriften. Sie ist das Licht des "Sterns, der uns aufgegangen" und uns den Weg weist (Mutter Theresia); sie ist die Kraft, die uns zum Guten bewegt; sie ist der Anruf, dem Geist Gottes in uns Raum zu geben, aufrichtig hinzuhören, was er uns sagt, und so das Charisma zu verwirklichen, das Gott unserer Kongregation geschenkt hat.
 
Dieses besondere Gnadengeschenk Gottes an unsere Gemeinschaft und an jede Arme Schulschwester von Unserer Lieben Frau wird erfahrbar an der Art und Weise, wie wir unsere Gelübde verstehen und uns von ihnen herausfordern lassen, wie wir unsere Konstitution und die Aufrufe unserer Generalkapitel leben. Und nicht zuletzt scheint unser Charisma auf in den Einsichten und dem Leben einer jeden Schwester, und zwar in dem Maße, als sie sich immer mehr selbst vergisst, um eins zu werden mit dem Herrn; denn Spiritualität ist der Atem der Freiheit, der dem Leben unter den Gelübden weiten Raum schafft.
Regeln, Bräuche und religiöse Übungen und selbst die Gelübde sind nicht Selbstzweck. Ihr Sinn ist es, uns freizumachen für unsere Sendung und die "Fülle des Lebens" (Joh 10,10). Wäre es anders, so lebten wir nicht als vom Herrn Erlöste, sondern als Gefangene einer letztlich todbringenden Ideologie.
Wenn uns die Gelübde nicht befreien,
- der Apostolische Gehorsam aus der Enge egozentrischer Vorstellungen und Verhärtung zur Weite des Vertrauens auf den Willen Gottes,
- die Evangelische Armut von der kümmerlichen Enge und ängstlichen Sorge um irdische Güter zur Wahrnehmung der Fülle des von Gott geschenkten Reichtums und aller seiner Möglichkeiten,
- die Gottgeweihte Ehelosigkeit von der Begrenztheit irdischer Beziehungen zur grenzenlosen Liebe Gottes und damit alles Geschaffenen, dann können wir unser Leben nur unglücklich und als tragischen Irrtum fristen.
Dass diese Einsichten sich nicht als fromme Theorie erweisen, sondern Tag für Tag unser Leben prägen, es froh, erfüllt und zufrieden machen, ist Frucht des Gebetes, der Versenkung in das Geheimnis der Menschwerdung Gottes, des Lebens Jesu, seiner Erlösungstat und seiner immerwährenden Gegenwart im Zeichen der Eucharistie. Das Gebet bewegt uns zur Umkehr aus aller menschlichen Verkehrtheit und führt uns zur eucharistischen Verwandlung. Dazu ist uns Vorbild und Ermutigung Maria, die wir als Mutter unserer Kongregation verehren.
Die Spiritualität einer schwesterlichen Gemeinschaft ist untrennbar verbunden mit der Qualität des gemeinsamen Lebens, dem Geist, der es beseelt, der Art und Weise, wie ihre Mitglieder miteinander umgehen, dem Frieden, der in ihren Häusern herrscht und aus jeder einzelnen Schwester spricht, der Freude und Zufriedenheit, die sie ausstrahlt.
Sie wird nicht unbedingt sichtbar in den beruflichen Erfolgen der Schwestern, sehr wohl aber in den "Früchten des Geistes" (vgl. Gal 5,22f), die sie hervorbringen, sagt doch Jesus: "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen." (Mt 7,16)
Das Leben in Gemeinschaft ist der untrügliche Prüfstein für die Echtheit ihrer Spiritualität, ihrer Glaubenshaltung und Gottesliebe.

Inbegriff und Ziel christlicher Spiritualität ist das Leben –
das Leben in allen seinen Facetten, Ausprägungen und Dimensionen.
Dass wir dieses "Leben in Fülle haben" (Joh 10, 10),
dafür wurde der Lebendige Gott in Jesus Mensch.
Dafür lebte er mit und unter uns.
Dafür "unterwarf er sich freiwillig dem Leiden",
nahm er Mühsal, Verkennung und Verfolgung auf sich.
Dafür starb er unseren Tod –
damit wir mit ihm in seiner Auferstehung sein "Leben haben"
und erfahren, dass dieses göttliche Leben nichts anderes ist als Liebe.
 

 

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